Ein ganz normaler Unterrichtsabend bei der Feuerwehr. Unfallverhütung, Pflichtschulung, alles vorbereitet: Laptop aufgebaut, Präsentation geladen, Beamer angeschlossen. Dann fiel die Technik aus. Kein Bild, kein Laptop, nichts. Einen Plan B hatte ich nicht. Was ich hatte: ein Flipchart, einen Stift und einen Raum voller Leute, die auf mich warteten. Also sagte ich: „Okay, wir machen das anders. Wir erarbeiten das gemeinsam.“
Gerettet haben den Abend die Kameradinnen und Kameraden. Jemand nannte ein Risiko, ein anderer ergänzte, eine dritte widersprach. Ich habe moderiert, mitgeschrieben, Fragen gestellt, mehr nicht. Hinterher hieß es: So sollten wir das öfter machen. Gemeint war das als Lob. Bei mir ist es auch als Frage angekommen: Was hatte ich an all den Abenden davor gemacht?
Die ehrliche Antwort war unbequem. Die meisten Präsentationen sind für die Vortragenden gebaut, nicht für das Publikum. Meine waren es auch: vollständig, ordentlich, fachlich sauber, und trotzdem an den Leuten im Raum vorbei. Gemerkt habe ich das erst, als die Technik mir die Folien aus der Hand genommen hat. Wenn alles ausfällt, bleibt der Mensch übrig, der vorne steht. Ob das reicht, entscheidet sich vorher, beim Denken.
Der erste Satz entscheidet
Der erste Satz einer Rede entscheidet darüber, ob das Publikum bleibt oder innerlich abschaltet. Die häufigsten ersten Sätze sind leider die langweiligsten: „Vielen Dank für die Einladung.“ „Ich freue mich, heute hier zu sein.“ „Lassen Sie mich mit einem kurzen Überblick beginnen.“ Jede und jeder kennt solche Abende. Diese Sätze sind bequem für die Person am Pult, mehr leisten sie nicht: Wer so beginnt, gewinnt ein paar Sekunden und verliert den Saal.
Ein Einstieg hat genau eine Aufgabe: einen Grund zum Zuhören zu liefern. Dafür gibt es drei bewährte Wege: eine Frage, die das Publikum beschäftigt, eine kurze Geschichte, die den Kern vorwegnimmt, oder eine Aussage, die überrascht. „Wir haben letztes Jahr drei Millionen Euro Umsatz verloren. Heute erkläre ich euch, warum das die beste Nachricht des Jahres ist.“ Nach so einem Satz hören alle zu.
Aufbau ist kein Inhaltsverzeichnis
Viele Präsentationen sind aufgebaut wie eine Doktorarbeit: Einleitung, Hauptteil, Zusammenfassung. Doktorarbeiten sind aber dafür gemacht, gelesen zu werden. Mündliche Kommunikation braucht Spannung und ein Ziel, auf das alles hinläuft. Der einfachste Aufbau, der funktioniert: Problem, Lösung, nächster Schritt. Was ist das Problem? Was schlage ich vor? Und was passiert als Nächstes?
Ein Beispiel: Das Ergebnis einer Kundenumfrage soll vorgestellt werden. Die klassische Version: zwanzig Folien, Balkendiagramme, Detailauswertungen, am Ende eine Folie mit sechs Handlungsempfehlungen. Die bessere Version: „Unsere Kundschaft ist mit der Lieferzeit unzufrieden. Das kostet uns Aufträge. Hier ist mein Vorschlag, wie wir das in drei Monaten ändern.“ Zehn Minuten statt dreißig, und danach wissen alle, worum es geht.
Ein Test für den Aufbau: Wer den Raum nach fünf Minuten verlassen müsste, sollte trotzdem wissen, worum es ging. Wenn nicht, kommt der Punkt zu spät. Zuerst sagen, wohin die Reise geht. Dann den Weg erklären.
Dazu gehört der Unterschied zwischen Zahl und Geschichte. Zahlen informieren, Geschichten bewegen. „Wir haben 23 Prozent weniger Reklamationen“ ist eine Zahl. „Letzte Woche hat ein Kunde angerufen und sich zum ersten Mal seit drei Jahren bedankt“ ist eine Geschichte. Beides sagt dasselbe, aber nur eines davon bleibt hängen.
Folien sind Begleitung, nicht Inhalt
Ich habe Vorträge erlebt, in denen die eigenen Folien abgelesen wurden, Wort für Wort. Wer das tut, sagt dem Publikum: Ihr braucht mich nicht, die Folien reichen. Und das Publikum denkt: Stimmt.
Gute Folien zeigen, was sich nicht sagen lässt: ein Bild, eine Zahl, eine Gegenüberstellung. Die beste Folie hat ein Bild und höchstens einen Satz. Die schlechteste hat acht Aufzählungspunkte in Schriftgröße zwölf. Ein einfacher Test: die Folien einer Kollegin oder einem Kollegen ohne Kommentar zeigen. Wer danach den ganzen Vortrag kennt, hält ein Skript in der Hand, keine Folien.
Und manchmal sind gar keine Folien die beste Lösung. Mein Feuerwehrabend hat es gezeigt: Mitunter reichen ein Flipchart, ein Stift und Leute, die mitdenken dürfen.
Eine vertiefende Perspektive auf den sparsamen Einsatz von Folien bietet die Bundeszentrale für politische Bildung im Gespräch „PowerPoint kann dem Lernen schaden“.
Nervosität ist kein Feind
Zu fast jedem Auftritt gehört Nervosität, und das ist in Ordnung. Lampenfieber zeigt, dass einem die Sache wichtig ist. Wer völlig entspannt auf die Bühne geht, hat entweder zwanzig Jahre Erfahrung oder es ist ihm oder ihr egal. Beides ist selten.
Was hilft: die Nervosität nicht bekämpfen, sondern umlenken. Nervosität und Aufregung sind körperlich fast dasselbe: Der Puls geht hoch, die Hände werden feucht, der Kopf wird wach. Der Unterschied liegt in der Bewertung. „Ich bin aufgeregt, weil es mir wichtig ist“ wirkt anders als „Ich bin nervös, weil ich Angst habe“. Nicht sofort und nicht magisch, aber merklich.
Vier Fragen vor der nächsten Rede
Vor dem nächsten Vortrag lohnt sich eine kurze schriftliche Vorbereitung, auf Papier statt am Bildschirm. Der Bildschirm verleitet dazu, sofort an Folien zu denken. Das Papier zwingt zum Inhalt. Zehn Minuten reichen:
- Was ist mein Punkt? Ein Satz. Wer ihn nicht in einem Satz sagen kann, ist noch nicht so weit und sollte weiterdenken, bevor die erste Folie entsteht.
- Wie fange ich an? Nicht mit Danke und nicht mit einer Agenda. Eine Frage, eine Geschichte oder eine Aussage, die einen Grund liefert zuzuhören.
- Was bleibt, wenn alles andere vergessen wird? Wenn das Publikum morgen jemandem vom Vortrag erzählt: Was soll es sagen? Genau das ist der Kern. Alles andere ist Beiwerk.
- Wie höre ich auf? Nicht mit „Danke, noch Fragen?“. Der letzte Satz verdient dieselbe Sorgfalt wie der erste, denn er ist das, was im Raum bleibt. Er muss nicht brillant sein. Ehrlich reicht.
Reden, die ankommen, sind selten eine Frage des Talents. Sie entstehen in der Vorbereitung, und zwar beim Denken, lange bevor die erste Folie existiert. Wer den eigenen Punkt kennt, den ersten und den letzten Satz, übersteht auch den Abend, an dem der Beamer schwarz bleibt. Ich habe dafür halt erst einen Technikausfall gebraucht.
Dieser Beitrag basiert auf Kapitel 5 meines Buches „Reden ist Silber. Vom Reden, Zuhören und Weglassen“.