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Manuskript von Christian Troidl

Getrieben von mir selbst

Eine persönliche Lesefassung über Herkunft, Tempo, Zweifel und den Versuch, aus innerem Druck eine eigene Haltung zu formen.

Manuskript

Eine Karte statt einer geraden Linie.

Dieses Manuskript folgt keiner geraden Linie. Es sammelt Denkorte: manche offen an der Oberfläche, andere erst sichtbar, wenn Erinnerung, Zweifel und Verantwortung darüber hinweggehen.

Die geöffneten Kapitel aus Teil I bis Teil IV laufen auf einer gemeinsamen Meereskarte zusammen. Die Seite ist als ruhiger Einstieg gedacht: erst orientieren, dann einzelne Orte öffnen, am Ende entscheiden, ob aus diesem Stoff ein Buch werden kann.

Die Textorte

Eine gemeinsame Meereskarte.

Die Karte hält die vielen Motive zusammen, ohne sie glattzubügeln. Jeder Ort steht für eine Bewegung im Text: von innerer Unruhe über Herkunft und Verantwortung bis zum Leuchtfeuer am Schluss.

Textlose Meereskarte als Struktur des Manuskripts

Teil I

Unter der Oberfläche.

Der erste Teil legt den inneren Boden: Ruhe und Unruhe, alte Zuschreibungen, sichtbare Abschlüsse und ein Denken, das selten einfach geradeaus läuft.

Teil I · Unter der Oberfläche Die stille Bucht Zum Lesen öffnen

In meinem Kopf ist selten Ruhe.

Das klingt schnell größer, als es gemeint ist. Oder kleiner. Ich weiß es nicht. Vielleicht klingt es für manche nach Stress, nach viel zu tun, nach einem normalen Dienstag mit drei Terminen, zwei unbeantworteten Nachrichten und einem Kind, das ausgerechnet jetzt wissen möchte, warum Haie eigentlich keine Steuererklärung machen müssen. So ungefähr, nur ohne Hai. Meistens.

Bei mir ist es anders. Anders trifft es besser als jede Rangliste.

Es brummt.

Es ist kein Lärm, den man von außen hören könnte. Eher ein inneres Grundgeräusch, das nie ganz weg ist. Ein Summen aus Gedanken, Satzanfängen, Bildern, alten Gesprächen, neuen Ideen, halbfertigen Plänen, Dingen, die ich noch erledigen müsste, Dingen, die ich längst erledigt habe und trotzdem noch einmal prüfe, weil man ja nie weiß. Man weiß tatsächlich oft nicht. Zumindest ich nicht.

Manchmal denke ich einen Gedanken nicht zu Ende, weil der nächste schon mit der Schulter in der Tür steht.

Dann lese ich einen Satz und bin weg. Nicht körperlich. Ich sitze noch da, das Buch oder der Text vor mir, der Finger vielleicht noch an der Zeile. Aber innen hat sich längst etwas gelöst. Ein Wort reicht. Ein einziges Wort. Plötzlich ist da eine Erinnerung. Oder eine Idee. Oder ein Bild. Aus dem Bild wird eine Frage. Aus der Frage ein Plan. Aus dem Plan ein Zweifel. Aus dem Zweifel ein neuer Gedanke. Und irgendwo dazwischen frage ich mich, was ich eigentlich gerade gelesen habe.

Dann lese ich den Satz noch einmal.

Und manchmal noch einmal.

Das wirkt von außen vielleicht unkonzentriert. Faul. Flüchtig. Als würde man sich nicht genug Mühe geben. Dieses Urteil kenne ich. Es ist alt. Es hat sich irgendwann in eine Ecke gesetzt und tut seitdem so, als gehöre ihm der Raum.

Dabei ist es nicht so, dass nichts passiert. Im Gegenteil. Es passiert zu viel. Nur nicht immer dort, wo es gerade passieren soll.

Mein Kopf macht selten Dienst nach Plan.

Er ist eher wie offenes Wasser. Auf der Oberfläche Wind. Kleine Wellen. Dann wieder Brandung, obwohl gar kein Sturm gemeldet war. Darunter Strömungen, die irgendwoher kommen und irgendwohin wollen. Man sieht sie nicht sofort. Man merkt nur, dass man plötzlich nicht mehr an der Stelle ist, an der man eben noch war.

Und dann gibt es Musik.

Das ist das Seltsame.

Sobald Musik läuft, wird es still.

Nicht draußen. Draußen ist dann ja Musik. Ein Bass, eine Stimme, ein Schlagzeug, ein Takt. Vielleicht etwas, das andere nebenbei hören, beim Autofahren, beim Aufräumen, beim Kochen. Für mich ist es manchmal eher ein Schalter. Einer drückt drauf, und innen geht das Brummen zurück.

Nicht ganz weg. Aber leiser.

Als würde jemand im Maschinenraum endlich die Tür schließen.

Ich kann das nicht gut erklären. Vielleicht stimmt das Bild auch nicht ganz. Maschinenraum klingt nach Ordnung, nach Ventilen und Plänen und Menschen mit Klemmbrett. Mein Kopf hat selten ein Klemmbrett. Eher lose Zettel, feuchte Streichhölzer, drei gute Werkzeuge und irgendwo eine Schraube, von der keiner weiß, wo sie hingehört.

Aber mit Musik entsteht plötzlich ein Takt, an den sich alles anlehnen kann.

Die Gedanken laufen nicht mehr alle gleichzeitig los. Sie bleiben kurz stehen. Nicht brav. So brav dann auch wieder nicht. Aber sie drängeln weniger. Der innere Raum wird größer. Oder ich werde kleiner darin. Auch das weiß ich nicht.

Ich merke nur: Es hilft.

Vielleicht ist Musik für mich keine Ablenkung, sondern eine Ordnung. Kein Geräusch von außen, sondern ein Geländer von innen. Etwas, das meinem Kopf sagt: Du musst jetzt nicht alles gleichzeitig denken. Eins nach dem anderen reicht. Für drei Minuten. Für fünf. Bis zum nächsten Lied.

Das klingt wenig.

Für mich ist es viel.

Denn wenn es innen stiller wird, taucht etwas auf, das sonst oft untergeht. Nicht die große Wahrheit. Nicht plötzlich Klarheit über Leben, Beruf, Familie, Vatersein, Schule, Bundeswehr, Ehrenamt und warum ich schon wieder ein neues Manuskript anfangen will, obwohl ich nicht einmal sicher weiß, ob daraus je ein Buch wird.

So einfach macht es mir mein Kopf nicht. Wäre ja auch langweilig. Und verdächtig.

Aber manchmal taucht ein Satz auf.

Ein brauchbarer.

Er muss nicht perfekt sein. Brauchbar reicht erst einmal.

Und vielleicht beginnt genau dort dieses Buch. Nicht bei meiner Geburt. Nicht bei der Schule. Nicht bei irgendeinem Abschluss. Sondern in diesem kurzen Moment, in dem das Wasser ruhiger wird und ich zum ersten Mal sehe, was da eigentlich alles unter der Oberfläche liegt.

Muscheln. Treibgut. Alte Namen. Neue Fragen. Ein Fels. Ein Riff. Ein Tiger, warum auch immer. Und irgendwo ein Leuchtfeuer, das nicht behauptet, den ganzen Ozean zu kennen.

Es sagt nur:

Ich weiß es nicht.

Aber ich sehe jetzt genauer hin.

Zwischen der stillen Bucht und dem Riff liegt kein weiter Weg.

Wenn innen endlich etwas ruhiger wird, taucht nicht nur Schönes auf. Manchmal kommt genau das hoch, was lange unten lag und dort erstaunlich gute Haltbarkeit entwickelt hat. Alte Namen zum Beispiel. Nicht die aus der Geburtsurkunde. Die anderen.

Teil I · Unter der Oberfläche Das Riff der falschen Namen Zum Lesen öffnen

Manche Namen kleben länger, als sie sollten.

Die richtigen Namen meine ich nicht, also nicht die aus Geburtsurkunden, Klassenlisten, Dienstausweisen oder Abschlusszeugnissen. Ich meine die anderen.

Die, die man nicht bekommt, weil jemand einen liebt. Sondern weil jemand einen festnageln will.

Dumm.

Zu langsam.

Kann das nicht.

Schon wieder falsch.

Ich weiß nicht mehr alles aus meiner Kindheit. Vieles ist weg. Richtig weg. Namen, Gesichter, Tage, ganze Räume. Bei mir stehen da oft nur leere Kisten. Manchmal mit Staub drauf. Manchmal nicht einmal das.

Aber ein paar Sachen sind geblieben.

Ausgerechnet die harmlosen Dinge sind kaum greifbar: der Geruch eines Sommers, der Geschmack eines bestimmten Kuchens, der eine leichte Nachmittag, den es wahrscheinlich gegeben hat. Geblieben sind andere Dinge. Kleine Szenen, die eigentlich viel zu klein sein müssten, um ein Leben lang Gewicht zu behalten.

Eine Rakete zum Beispiel.

Ich war klein. Drei vielleicht. Oder vier. Genau weiß ich es nicht mehr. Ich wollte Rakete sagen und sagte Karette.

Karette.

Ein falsches Wort. Ein Versprecher. Ein Kindermund, würde man heute vielleicht sagen, wenn man freundlich wäre. Man könnte darüber lächeln, einmal. Vielleicht zweimal. Dann wäre es gut. Kinder sagen Dinge falsch. Erwachsene übrigens auch. Nur nennen sie es später Dialekt, Fachsprache oder Pressemitteilung.

Bei mir war es nicht gut.

Es wurde darauf herumgeritten. Wieder und wieder. Nicht wie auf einem Holzpferd auf dem Volksfest, bei dem man irgendwann absteigen kann und eine klebrige Tüte Zuckerwatte bekommt. Eher wie auf etwas, das im Boden steckt und immer tiefer getreten wird. Karette. Da war es wieder. Das falsche Wort. Der Beweis. Der kleine Haken, an dem man mich aufhängen konnte.

Ich weiß noch, dass es wehgetan hat.

Nicht körperlich. Das wäre einfacher zu erklären. Ein blauer Fleck hat wenigstens Anstand und zeigt sich. Diese Dinge zeigen sich nicht. Sie bleiben irgendwo unter der Oberfläche liegen.

Wie ein Riff.

Man sieht es nicht immer. Oben ist Wasser. Manchmal sogar schönes Wasser. Licht darauf, Wellen, Bewegung. Von außen sieht alles normal aus. Dann fährt ein Gedanke darüber, ein Satz, ein Vergleich, ein Tonfall, und plötzlich kratzt es am Kiel.

Da ist es wieder.

Karette.

Es war nicht nur dieses Wort. Es waren Vergleiche. Immer wieder Vergleiche. Nicht nur ich wurde verglichen. Auch meine Mutter wurde verglichen, und ich war, so fühlt es sich heute an, manchmal das Vehikel dafür. Der Beleg auf zwei Beinen. Warum das so war, weiß ich nicht. Vielleicht gehört es gar nicht in dieses Buch. Vielleicht doch. Manche Strömungen merkt man erst, wenn man schon ein Stück abgetrieben ist.

Ein anderes Beispiel: die Wochentage.

Ich konnte sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht sauber der Reihe nach aufsagen. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Heute schreibe ich das hin, als wäre es nichts. Sieben Wörter. Eine kleine Leiter durch die Woche. Damals war es offenbar ein Hochgebirge mit schlechter Beschilderung.

Mein Cousin konnte es.

Er war sogar etwas jünger. Nur ein paar Monate, aber solche Monate zählen in Familien manchmal wie Dienstgrade. Er konnte es. Ich nicht. Also war die Sache klar. Es hieß nicht: Der eine kann es früher, der andere später. Auch nicht: Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Für solche Deutungen war offenbar kein Platz.

Nein.

Dumm.

Wieder dieses Wort. Oder eines aus seiner Verwandtschaft.

Das Gemeine an solchen Worten ist, dass sie nicht im Moment bleiben. Sie ziehen ein. Sie stellen ihre Möbel auf. Sie hängen Gardinen auf, hässliche natürlich, und irgendwann tun sie so, als hätten sie schon immer dort gewohnt.

Später kam Schule dazu.

Erste Klasse. Zweite Klasse. Ein Kind, das nicht passte. Ein Lehrer, der offenbar nicht sah, was vielleicht dahinterlag, sondern vor allem das, was nicht funktionierte. Zu dumm. So geht das nicht. Sonderschule.

Ich schreibe das hin und merke, wie vorsichtig ich werde. Als müsste ich mich noch heute dafür rechtfertigen. Als wäre da irgendwo ein alter Tisch, an dem wieder jemand sitzt und prüft, ob ich die Wochentage kann.

Kann ich.

Meistens sogar in der richtigen Reihenfolge.

Das Problem ist nur: Der alte Satz ist damit nicht automatisch weg.

Er bleibt unter Wasser.

Und dort liegt das Riff der falschen Namen.

Es besteht nicht nur aus Beleidigungen. Es besteht aus Momenten, in denen ein Kind sich selbst durch die Augen anderer sieht. Das ist gefährlich. Kinder haben noch keinen inneren Anwalt, der aufsteht und sagt: Einspruch, Ihr Ehren, das Kind ist drei und hat gerade Karette gesagt, beruhigen Sie sich bitte alle wieder. Kinder nehmen solche Urteile erst einmal an. Nicht immer bewusst. Aber sie sinken ab. Und unten räumt später keiner freiwillig auf.

Und irgendwann, Jahre später, steht man da mit Abschlüssen, Berufen, Verantwortung, Uniform, Kindern, Ehrenamt, Vorstandssitzungen, Podcast, Manuskriptideen und fragt sich trotzdem:

Bin ich wirklich schlau?

Oder tue ich nur so?

Haben die sich damals geirrt?

Oder habe ich mein Leben lang nur Glück gehabt und bin irgendwie durchgerutscht?

Das ist die hässliche Seite dieses Riffs. Es beschädigt nicht nur damals. Es stellt später jede Farbe infrage.

Denn da unten gibt es auch anderes.

Nicht nur scharfe Kanten. Da unten gibt es Bewegung. Fische. Farben. Leben. Dinge, die schön sind, obwohl oben die Wellen brechen. Vielleicht sogar gerade deshalb. Ich weiß, dass ich denken kann. Ich weiß, dass ich Zusammenhänge sehe. Ich weiß, dass ich Dinge spüre, manchmal bevor ich sie erklären kann. Ich weiß, dass ich Menschen führen, Systeme lesen, Ideen entwickeln und Verantwortung tragen kann.

Und trotzdem kommt diese Frage.

Ist der Fisch wirklich bunt?

Oder bilde ich mir die Farben nur ein?

Ist da unten wirklich ein lebendiges Riff, groß, prächtig, voller Bewegung?

Oder ist längst Korallenbleiche darübergegangen, und ich halte nur noch eine Erinnerung an Farbe für Wirklichkeit?

Das ist kein schöner Gedanke.

Aber er ist ehrlich.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute so empfindlich reagiere, wenn Kinder falsch gelesen werden. Wenn man sie zu früh benennt. Zu schnell einordnet. Zu bequem vergleicht. Wenn ein Erwachsener ein Wort nimmt und daraus eine Schublade baut.

Dumm.

Faul.

Unkonzentriert.

Schwierig.

Solche Wörter sind schnell ausgesprochen. Viel schneller, als ein Kind sie wieder loswird.

Vielleicht schreibe ich deshalb darüber. Nicht, weil ich alte Rechnungen begleichen will. Das wäre langweilig und außerdem viel Papier für Leute, die vermutlich nicht einmal merken würden, dass sie gemeint sind.

Ich schreibe darüber, weil ich verstehen will, warum bestimmte Sätze bis heute Gewicht haben.

Warum ich vieles vergessen habe, aber Karette nicht.

Warum ein falsches Wort manchmal länger lebt als ein richtiger Erfolg.

Und warum ich trotz allem immer wieder nachsehe, ob unter der Brandung nicht doch noch Farbe ist.

Ich weiß es nicht.

Aber ich tauche hinunter.

Aus falschen Namen entstehen später oft Beweise.

Man sammelt sie, vielleicht ohne es zu merken. Zeugnisse. Prüfungen. Abschlüsse. Stationen, auf denen steht: So dumm kann er nicht gewesen sein. Nur leider unterschreibt das innere Zweifelbüro solche Belege nicht immer sofort. Es prüft gründlich. Sehr gründlich. Vermutlich Beamtenlaufbahn.

Teil I · Unter der Oberfläche Die Sandbank der Abschlüsse Zum Lesen öffnen

Manche Lebensläufe sehen aus, als hätte jemand früh einen sauberen Strich gezogen.

Grundschule, Gymnasium, Studium, Beruf. Alles schön hintereinander, als hätte das Leben einen Stundenplan bekommen und sich ausnahmsweise daran gehalten. Ich kenne Menschen, bei denen war das so. Ein guter Freund von mir zum Beispiel. Gerade Linie. Fast verdächtig gerade, wenn man mich fragt, aber das sagt man natürlich nicht laut, sonst klingt man neidisch, und neidisch wollte ich nie sein. Nur manchmal ein bisschen irritiert.

Bei mir war das anders.

Ich habe Schulbildung genossen, sagt man so. Genossen habe ich sie nicht. Ich war in der Schule, das ist sachlich richtiger. Ich saß dort, hörte zu, meistens zumindest mit einem Teil von mir, während ein anderer Teil aus dem Fenster schaute, weil dort oft mehr los war als an der Tafel. Bäume, Wolken, Autos, Menschen, irgendetwas bewegte sich immer. Drinnen bewegte sich auch etwas, aber meistens langsamer. Tafel. Heft. Aufgabe. Antwort. Nächste Aufgabe. So etwas kann sehr lang sein, wenn der Kopf schon drei Straßen weiter ist und dort offenbar dringend eine Nebenstraße besichtigen muss.

Ich war nicht gern in der Schule. Das kann ich nicht schönreden. Also rede ich es nicht schön.

Ich schrieb Tests. Manche liefen gerade so, manche vermutlich nicht einmal gerade, eher schräg mit leichter Schlagseite, aber sie liefen. Irgendwann war wieder ein Schuljahr vorbei. Dann noch eins. Und irgendwann stand ein Abschluss da. Der Quali zum Beispiel. Qualifizierender Hauptschulabschluss. Das klingt schon so, als hätte jemand dem Abschluss eine Uniform angezogen, damit er wichtiger aussieht. Qualifizierend. Hauptschule. Abschluss. Drei Wörter, die gemeinsam sagen: Es ist nicht nichts. Und das stimmt ja auch. Es war nicht nichts. Ich hatte ihn. Am Ende stand er auf dem Zeugnis.

Nur stand ich danach wieder da und wusste nicht richtig, was jetzt kommen sollte.

Zufrieden war ich nicht. Das ist überhaupt ein Satz, der sich durch mein Leben zieht wie ein schlecht verlegtes Kabel. Zufrieden war ich nicht mit dem, was war, mit dem, was ich konnte, mit dem, was andere sahen, mit dem, was ich selbst sehen konnte. Vielleicht ist das Antrieb. Vielleicht ist es eine Störung im Betriebsablauf. Vielleicht beides. Ich weiß es nicht.

Also Mittlere Reife.

Wirtschaftsschule in Weiden in der Oberpfalz. Schon das klang nach einem nächsten Schritt. Nicht groß, aber weiter, und weiter war mir wichtig, auch wenn ich nicht sagen konnte, wohin dieses Weiter eigentlich führen sollte. Nur weg von dem Gefühl, stehen zu bleiben.

Auch dort saß ich wieder in Klassenzimmern. Auch dort gab es Fenster. Auch dort gab es Dinge, die man lernen sollte. Und natürlich kamen in diesem Alter noch andere Ablenkungen dazu. Man schaut dann nicht mehr nur aus dem Fenster. Man schaut auch Menschen an. Genauer gesagt Mädchen. Das ist pädagogisch vielleicht nicht optimal, biologisch aber nicht völlig überraschend.

Der Kopf war also beschäftigt. Nur nicht immer mit dem Lehrplan.

Trotzdem kam wieder ein Abschluss. Nicht mit einer Eins, darüber müssen wir nicht reden, wirklich nicht, aber er kam. Mittlere Reife. Bestanden. Wieder ein Papier, das sagte: Da ist etwas geschafft. Und wieder fühlte es sich nicht so an, als hätte ich einen Berg bestiegen, eher, als wäre ich über eine flache Stelle im Wasser gegangen, ohne genau zu wissen, warum ich nicht untergegangen bin.

Eine Sandbank.

Sie hält erst einmal. Man kann darüberlaufen. Man kommt hinüber. Aber man weiß nicht, wie viel Wasser links und rechts schon wartet.

Nach der Mittleren Reife kamen Bewerbungen. Oder das, was man eben macht, wenn Erwachsene sagen: Jetzt musst du Bewerbungen schreiben. Plötzlich soll ein junger Mensch, der gerade noch nicht wusste, ob er die Hausaufgaben vollständig hat, überzeugend erklären, warum genau er für einen Beruf geeignet ist. Das ist ein interessantes Konzept. Fast so interessant wie Haie und Steuererklärung, nur mit mehr Anschreiben.

Polizei wäre so eine Idee gewesen, aber dann hieß es: Zeugnis zu schlecht. In Mathe müsste da schon eine Eins stehen. Alles darunter, schwierig. Keine Chance.

Keine Chance ist ein kurzer Satz. Er macht schnell eine Tür zu. Zack. Fertig. Man steht davor und tut so, als hätte man sowieso nicht reinwollen.

Also Handwerk.

Kaminkehrer. Beim Nachbarn. Ich musste nicht einmal eine klassische Bewerbung schreiben, weil er mich kannte, weil er wusste, wie ich bin, und weil er mich trotzdem nahm. Oder gerade deswegen. Das weiß ich nicht. Jedenfalls hatte ich einen sehr guten Chef, und das muss man sagen, weil es Menschen gibt, die nicht nur das Zeugnis sehen, sondern den Menschen, der mit diesem Zeugnis vor ihnen steht. Das ist selten genug, dass man es nicht kleinreden sollte. Mein Chef war so einer. Er nahm mich, wie ich war. Brauchbar, vielleicht sogar mehr.

Die Lehre begann.

Kaminkehrer ist ein ehrlicher Beruf. Man macht etwas Sichtbares, ist draußen, kommt in Häuser, sieht Menschen, Dächer, Heizungen, Schornsteine. Man riecht Arbeit. Ruß hat keinen besonders akademischen Geruch, das kann man jetzt bedauern, aber immerhin ist er ehrlich.

Und trotzdem merkte ich während der Lehrzeit: Das reicht mir nicht.

Der Beruf war nicht schlecht. Und ich hielt mich auch nicht für etwas Besseres, obwohl einem genau dieser Satz schnell unterschoben wird. Es war eher dieses innere Ziehen, dieses Gefühl, dass ich dort funktionieren könnte, aber nicht ruhig werden würde. Also machte ich weiter, obwohl ich noch gar nicht wusste, wohin.

Berufsschule. Wieder sitzen. Wieder Stoff. Wieder Prüfungen. Wieder dieses eigenartige Verhältnis zum Lernen. Ich war da, hörte zu, nahm auf, was hängen blieb, und lernte nicht, jedenfalls nicht so, wie andere unter Lernen verstehen. Hinsetzen, lesen, wiederholen, markieren, Karteikarten, Struktur. Allein bei dem Wort Karteikarten möchte mein Kopf höflich den Raum verlassen.

Ich machte die Gesellenprüfung und bestand.

Wieder ein Abschluss. Wieder Sand unter den Füßen.

Dann kam die Bundeswehr.

Grundausbildung. Weg von zu Hause. Richtig weg, nicht nur geografisch, sondern auch innerlich. Ich sagte lange: Durchziehen, danach raus aus diesem Laden. Ich wollte nicht bleiben, und ich wusste zwar nicht genau, was danach kommen sollte, aber bleiben wollte ich nicht. Das ist auch eine Form von Plan. Eine eher dünne, aber immerhin.

Dreizehn Tage vor meinem Ausscheiden unterschrieb ich.

Dreizehn Tage. Keine dreizehn Monate, keine lange strategische Lebensplanung mit Flipchart und gutem Kaffee. Dreizehn Tage. Da könnte man sagen: konsequent ist anders. Aber vielleicht war genau das konsequent, nur eben nicht auf den ersten Blick.

Warum unterschrieb ich?

Weil Menschen auf mich einredeten, aber nicht im schlechten Sinn. Sie sagten: Du bist gut. Du machst einen guten Job. Bleib dabei. Du wirst gefördert. Du bekommst noch eine Ausbildung. Du kannst weitermachen. Da war plötzlich etwas, das ich aus der Schule nicht gut kannte.

Wertschätzung.

Also blieb ich. Und wieder begann ein Weg, der nicht gerade war: Mannschaftslaufbahn, Unteroffizier, Feldwebellaufbahn, Hauptfeldwebel, später Offizierlaufbahn. Dazu weitere Ausbildungen. Rettungssanitäter. Pharmazeutisch technischer Assistent. Betriebswirt. Heute bin ich Offizier.

Wenn man das so hintereinander schreibt, sieht es fast beeindruckend aus. Fast wie ein Plan. Man könnte meinen, ich hätte früh gewusst, was ich wollte, und dann alles Schritt für Schritt aufgebaut.

Habe ich nicht.

Ich bin gegangen. Manchmal gestolpert. Manchmal geschoben worden. Manchmal gezogen. Manchmal habe ich auch selbst gedrückt, mehr als gut war. Aber ich bin weiter.

Das Seltsame ist: Ich habe auch dort nie richtig gelernt. Nicht so, wie man lernen soll. Weder klassisch noch diszipliniert, und schon gar nicht mit sauberem System. Ich war da, hörte zu, machte mit, verband Dinge, merkte mir, was in der Praxis Sinn ergab, und verstand Zusammenhänge oft eher über Anwendung als über Seite sieben bis zwölf im Skript. Seite sieben bis zwölf konnte sich gern mit sich selbst beschäftigen.

Aber irgendwann wurde es schwerer.

Beim pharmazeutisch technischen Assistenten zum Beispiel. Da steigen die Anforderungen. Da reicht es nicht immer, irgendwie da zu sein und mitzukommen. Da kommt Stoff, der will nicht nur verstanden, sondern behalten werden. Genau. Behalten. Dieses kleine, freche Wort. Als könnte man Wissen einfach bitten, kurz im Kopf Platz zu nehmen, und es macht das dann auch.

Bei mir macht es das nicht immer. Manchmal kommt es rein, schaut sich um, findet keinen beschrifteten Stuhl und geht wieder.

Trotzdem schaffte ich es.

Auch diese Prüfung. Auch diesen Abschluss.

Und genau da beginnt wieder die Frage.

Was war das?

Können? Glück? Anpassung? Durchrutschen? Intelligenz? Oder einfach nur die Fähigkeit, lange genug nicht unterzugehen, bis wieder irgendwo Sand unter den Füßen ist?

Ich weiß es nicht.

Die Sandbank der Abschlüsse ist trügerisch. Von außen sieht man: Da steht einer. Der ist nicht untergegangen. Der hat Abschlüsse, Berufe, Laufbahnen, Verantwortung. Also muss da fester Boden sein. Innen fühlt es sich manchmal anders an, weil man auf diese Papiere schaut und denkt: Ja, das steht da. Aber war ich das wirklich? Habe ich das geschafft, weil ich etwas kann? Oder weil ich im richtigen Moment gerade genug konnte? Weil andere mich gesehen haben? Weil jemand eine Tür offen ließ? Weil ich Glück hatte? Weil ich nicht gelernt habe, aufzugeben?

Vielleicht ist das alles dasselbe Wasser.

Vielleicht ist ein Abschluss nicht immer ein Beweis für Tiefe. Manchmal ist er nur der sichtbare helle Streifen im Meer. Irgendwie gegangen, mit nassen Hosen zwar, aber angekommen.

Vielleicht muss man nicht jeden Meter erklären können, den man geschafft hat. Vielleicht darf man irgendwann sagen: Ich weiß nicht genau, wie ich hierhergekommen bin.

Aber ich stehe hier.

Abschlüsse sehen auf Papier ordentlich aus.

Der Weg dorthin war es nicht immer. Zumindest nicht in meinem Kopf. Denn dort bleibt selten etwas einfach liegen, wo man es abgelegt hat. Ein Wort, ein Satz, ein Geräusch, und schon ist Bewegung im Wasser.

Teil I · Unter der Oberfläche Die Strömung des Lesens Zum Lesen öffnen

Ich brauche kein Buch, um abzudriften.

Aber beim Lesen passiert es besonders zuverlässig. Das muss ich gleich am Anfang sagen, sonst ist der Titel zu eng. Ich drifte auch beim Hören ab, beim Sehen, beim Erzählen, beim Autofahren, beim Zähneputzen, was ohnehin ein gefährlicher Moment ist, weil der Körper beschäftigt ist und der Kopf denkt: Sehr gut, dann übernehmen jetzt wir. Beim Lesen passiert es nur besonders zuverlässig. Lesen ist für meinen Kopf keine gerade Linie. Es ist eher eine Wasserfläche mit unsichtbaren Strömungen, und manchmal reicht ein einziges Wort, damit ich nicht mehr dort bin, wo ich eben noch war.

Ich höre gern Hörbücher beim Autofahren.

Eigentlich.

Das Problem ist nur: Ich muss sie oft noch einmal hören. Und manchmal noch einmal. Nicht, weil die Stimme schlecht wäre oder die Geschichte mich nicht interessiert. Im Gegenteil. Oft ist sie gut. Zu gut vielleicht. Sie löst etwas aus. Ein Satz, eine Szene, ein Begriff, manchmal nur ein Bild, und schon läuft in meinem Kopf etwas los, das mit dem Hörbuch angefangen hat, aber längst nicht mehr beim Hörbuch ist.

Der Erzähler fährt weiter. Ich auch. Nur mein Kopf ist schon ausgestiegen.

Beim Lesen ist es noch deutlicher. Ein Buchstabe kann reichen, ein Wort sowieso, ein Satz erst recht. Da steht etwas, ganz harmlos eigentlich, und plötzlich öffnet es eine Tür. Hinter der Tür steht nicht die nächste Information, sondern eine Erinnerung, eine Frage, eine Idee, ein Zweifel oder ein völlig unnötiger Gedanke, der aber sehr entschlossen auftritt. Unnötige Gedanken haben oft ein erstaunliches Selbstbewusstsein. Man möchte fast neidisch werden.

Vielleicht kann man es so erklären.

Ich stolpere über eine Wurzel.

Das wäre eigentlich der Moment, in dem man kurz flucht, sich fängt, nachsieht, ob noch alles dran ist, und weitergeht. Bei mir beginnt dort aber oft erst die eigentliche Reise. Ich sehe die Wurzel und denke: Wurzel. Dann sehe ich den Stamm. Am Stamm kriecht eine Raupe. Warum kriecht die Raupe dort? Hat der Baum Blätter? Hat er Blüten? Wenn er keine Blüten hat, was machen dann die Bienen?

Dann steht der Baum plötzlich nicht mehr allein.

Er steht in einem Wald. Und wenn da ein Wald ist, gibt es vielleicht große Bäume. Mammutbäume zum Beispiel. Da gab es doch diese Mammutbäume, durch die man unten mit dem Auto fahren konnte. Ist das eigentlich gut für den Baum, wenn man durch ihn hindurchfährt? Wahrscheinlich eher nicht. Abgase. Wobei Abgase heute auch nicht mehr dieselben sind wie früher, aber ob das den Baum tröstet, weiß ich nicht. Bäume wirken nicht wie Wesen, die sich von moderner Abgasnorm emotional stabilisieren lassen.

Und dann läuft ein Eichhörnchen über die Straße.

Wo kommt das jetzt her?

Keine Ahnung. Es ist eben da. Vielleicht, weil in meinem Kopf gerade Wald ist. Vielleicht, weil irgendwo ein Tannenzapfen herumliegt. Vielleicht auch, weil mein Kopf findet, dass jede ordentliche Gedankenkette ab einer gewissen Länge ein Eichhörnchen verdient hat. Das Eichhörnchen läuft also über die Straße, und ich frage mich, ob es sich auf frisch geteerten Straßen die Füße verbrennen kann. Dann frisst es einen Tannenzapfen. Ein Samen fällt herunter. Hoffentlich hat er genug Wasser. Wenn er ins Wasser fällt, treibt er vielleicht weg. Und wenn er lange genug treibt, landet er vielleicht auf einer Insel. Kann dort ein Mammutbaum wachsen? Auf einer einzelnen Insel? Hat der genug Platz? Genug Boden? Genug Wurzeln?

Wurzeln.

Ach ja.

Ich bin über eine Wurzel gestolpert.

Und jetzt muss ich erst einmal wieder aufstehen.

So ungefähr funktioniert es in meinem Kopf. Nicht immer so bildlich. Nicht immer mit Eichhörnchen, Gott sei Dank, sonst müsste man irgendwann Futter bereitstellen. Aber das Prinzip stimmt. Ein Reiz löst etwas aus. Das Ausgelöste löst wieder etwas aus. Daraus entsteht eine Kette, dann ein Ast, dann ein Wald, dann ein Ozean, und irgendwo dort draußen treibt noch der ursprüngliche Satz, leicht beleidigt, weil ich ihn mitten im Gespräch verlassen habe.

Das Schwierige ist nicht nur das Abdriften.

Das Schwierige ist das Zurückkommen.

Man muss sich innerlich schütteln und fragen: Moment, wo komme ich her? Was war der Ausgangspunkt? Was wollte ich gerade lesen, hören, sagen, tun? Manchmal finde ich den Weg zurück. Manchmal nicht sofort. Manchmal brauche ich den Satz noch einmal. Oder das Kapitel. Oder das Hörbuch von vorn. Außen sieht das vielleicht nach Unaufmerksamkeit aus. Innen ist es eher, als müsste man eine Spur im Sand wiederfinden, nachdem die Flut darübergegangen ist.

Dabei passiert ja etwas.

Es ist nicht leer. Es ist nicht Desinteresse. Es ist Bewegung. Zu viel Bewegung vielleicht, zu schnell, zu verzweigt, manchmal völlig unpraktisch, aber Bewegung. Das Problem ist nur, dass Schule, Prüfungen, Bücher und Gespräche oft erwarten, dass man auf einer Linie bleibt. Satz eins, Satz zwei, Satz drei. Frage, Antwort. Aufgabe, Lösung. Ich kann das. Manchmal. Aber mein Kopf macht daneben noch eigene Karten auf.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich vieles nicht klassisch lernen konnte.

Verstehen läuft bei mir selten geradeaus. Ich muss Dinge verbinden, anfassen, hören, sehen, in irgendeine innere Bewegung bringen. Dann bleibt etwas. Aber wenn ich mich einfach hinsetzen und eine Seite lesen soll, damit sie anschließend ordentlich im Kopf abgelegt ist, dann wird es schwierig.

Mein Kopf hat kein ordentliches Archiv.

Eher einen Hafen bei Seitenwind.

Es kommt viel an. Wirklich viel. Aber nicht alles liegt danach sauber beschriftet in Kisten. Manches rollt unter den Tisch. Manches riecht streng. Manches sieht wertlos aus und ist später wichtig. Manches war eben noch wichtig und ist plötzlich weg. Und dann steht man da, mit nassen Schuhen, einem halben Satz in der Hand und der ehrlichen Frage, warum man eigentlich gerade an Mammutbäume gedacht hat, obwohl man nur ein Hörbuch hören wollte.

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß, dass es so ist.

Und vielleicht ist genau das der Punkt. Ich muss nicht jede Strömung verhindern. Ich muss lernen, sie zu erkennen. Ich muss merken, wann sie mich trägt, wann sie mich wegzieht und wann ich einen Anker brauche, damit ich nicht wieder drei Inseln weiter auftauche und so tue, als wäre das der Plan gewesen.

Musik kann so ein Anker sein.

Aber es gibt auch andere Anker. Kleinere. Unromantischere. Solche, die nicht nach Kunst klingen, sondern nach Wohnungstür.

Ich verlasse in München meine Pendlerwohnung. Ich sperre die Tür zu, gehe die Treppe hinunter, setze mich ins Auto und frage mich: Hast du die Tür zugesperrt?

Natürlich habe ich sie zugesperrt.

Wahrscheinlich.

Und genau das ist das Problem. Ich weiß es in diesem Moment nicht sicher, weil mein Kopf beim Zusperren schon ganz woanders war. Die Hand hat getan, was sie tun sollte. Der Schlüssel hat sich gedreht. Die Tür war zu. Aber der Vorgang ist nicht richtig bei mir angekommen. Er liegt nicht als sichere Erinnerung da, sondern als Vermutung mit Schlüsselbund.

Also steige ich wieder aus.

Ich gehe zurück ins Haus, die Treppe hoch, stehe vor der Wohnungstür, drücke dagegen und stelle fest: Ja. Zugesperrt. Natürlich. Man könnte darüber lachen, wenn man nicht schon wieder zu spät wäre.

Also baue ich mir Strukturen.

Wenn ich heute eine Tür zusperre, mache ich es bewusst. Ich sage mir innerlich: Du sperrst jetzt gerade diese Tür zu. Ich drehe den Schlüssel. Ich drücke an der Tür. Ich nehme wahr, dass sie geschlossen ist. Nicht, weil ich einer Wohnungstür grundsätzlich misstraue. Türen sind meistens recht zuverlässig. Sondern weil ich meinem abgespeicherten Moment misstraue, wenn ich ihn nicht bewusst markiert habe.

Das klingt klein. Ist es aber nicht.

Solche Strukturen machen meinen Alltag haltbar. Sie sind wie kleine Anker, die ich auswerfe, damit mich die Strömung nicht jedes Mal wegzieht. Tür. Schlüssel. Griff. Druck. Fertig. Abgelegt.

Denn Abdriften ist nicht immer harmlos. Beim Hörbuch ist es ärgerlich, weil ich ein Kapitel noch einmal hören muss. Beim Lesen ist es mühsam, weil ich den Satz wieder suchen muss. Im Straßenverkehr wäre es gefährlich. Wenn ich über eine Ampel fahre und mich danach frage, ob sie grün war oder rot, dann ist das kein literarisches Problem mehr, sondern ein ziemlich praktisches. Eins mit Blechschaden, Blaulicht und sehr unangenehmen Erklärungen.

Also muss ich meinen Kopf manchmal daran hindern, einfach loszuschwimmen.

Nicht mit Gewalt. Das funktioniert ohnehin nicht. Eher mit Markierungen. Mit bewussten Handgriffen. Mit kleinen Ritualen, die von außen vielleicht übertrieben wirken, innen aber Ordnung schaffen. Ich habe mir solche Dinge angeeignet. Nicht nur beim Türzusperren. In vielen Einzelheiten meines Lebens. Sonst wäre es zu unzuverlässig. Mein Kopf kann ja nicht zu wenig. Er kann zu viel gleichzeitig: denken, hören, sehen, verknüpfen, verlieren, wiederfinden.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Kindheit und Erwachsensein. Als Kind konnte ich solche Anker nicht bauen. Ich wusste ja nicht einmal, dass ich sie brauche. Heute baue ich sie, weil ich gelernt habe, dass mein Kopf nicht falsch ist, aber Führung braucht. Keine harte. Eher eine, die sagt: Hier bleibst du kurz. Das ist wichtig. Das legen wir jetzt ab.

Schreiben manchmal auch.

Und vielleicht dieses Buch, oder ist es nur ein Manuskript, ich weiß es nicht. Gleichwohl, es beendet die Strömung nicht. Es macht sie sichtbar. Wenn ich schon abdrifte, kann ich wenigstens versuchen, eine Karte davon zu zeichnen.

Teil II

Felsen, Nebel, Spiegel.

Der zweite Teil schaut auf Herkunft, Verlust und Vatersein. Er fragt, welche Hilfen Kindern Raum geben, ohne sie vorschnell zu erklären.

Teil II · Felsen, Nebel, Spiegel Der Felsen in der Brandung Zum Lesen öffnen

Mein Großvater war kein Ersatzvater.

Das ist mir wichtig. Der Satz klingt vielleicht kalt, aber er muss genau sein. Er war nicht der Mann, der eine fehlende Rolle einfach übernommen hat, als wäre Familie ein Schichtplan und jemand müsste nur den Dienst tauschen. So funktioniert das nicht. Menschen lassen sich nicht ersetzen, schon gar nicht in einem Kind. Aber mein Großvater war da. Er füllte keine fremde Rolle aus. Er war Großvater. Ganz.

Und manchmal ist das mehr, als man als Kind begreift.

Ich bin in seiner Metzgerei aufgewachsen. Jedenfalls fühlt es sich so an, wenn ich zurückdenke. Laden, Arbeitsräume, Gerüche, Stimmen, Gesellen, Messer, Fleisch, Rauch, Kessel, dieser eigene Klang eines Handwerksbetriebs, in dem nicht lange gefragt wird, ob gerade Stimmung für Arbeit ist. Arbeit ist da. Also wird gearbeitet.

Ich habe geholfen, solange ich mich erinnern kann. Geholfen ist vielleicht ein großes Wort. Wahrscheinlich stand ich oft mehr im Weg, als ich nützlich war, aber Kinder merken den Unterschied nicht immer, und vielleicht ist das auch gut so. Ich hatte das Gefühl, dass ich helfen durfte. Dass ich dabei war. Dass ich nicht nur irgendwo abgestellt wurde, sondern einen Platz hatte, auch wenn dieser Platz manchmal nur ein kleiner Hocker neben dem großen Tisch war.

Dieser Hocker war wichtig.

Ich kam nicht hinauf an den Arbeitstisch, an dem mein Großvater und die Gesellen standen. Also bekam ich einen kleinen Beistellhocker. Von dort aus durfte ich zusehen, mitmachen, mitschneiden, lernen. Ich war nicht der Chef, natürlich nicht, wahrscheinlich nicht einmal der Hilfsarbeiter des Monats, aber ich war dort. Zwischen Erwachsenen, die etwas konnten. Zwischen Händen, die wussten, was sie taten.

Mein Großvater erklärte mir Dinge.

Wie man im Kessel richtig Feuer macht. Wie es wirklich anbrennt. Wie man ein Messer hält. Wie man am Knochen entlang schneidet, ohne sich selbst in die Finger zu säbeln. Wo die linke Hand ist. Wo die rechte Hand ist. Das klingt banal, wenn man es so hinschreibt. Linke Hand, rechte Hand. Danke, Opa, das Konzept ist nicht ganz neu. Aber genau in diesen scheinbar kleinen Dingen steckt manchmal das, was später ein Leben zusammenhält.

Ein Messer muss scharf sein.

Das habe ich dort gelernt. Kein Spruch für später, eher Wirklichkeit auf dem Tisch. Ein stumpfes Messer ist gefährlicher als ein scharfes, weil man drücken muss, weil man abrutscht, weil man glaubt, Kraft könne ersetzen, was eigentlich Sorgfalt braucht. Ein scharfes Messer verlangt Respekt. Man spielt nicht damit herum. Man weiß, wo die Finger sind. Man arbeitet aufmerksam.

Heute denke ich manchmal: Das gilt nicht nur für Messer.

Es gilt für vieles. Für Arbeit. Für Sprache. Für Verantwortung. Für das eigene Leben. Wenn du mit stumpfen Werkzeugen durchs Leben gehst, brauchst du zu viel Kraft und richtest trotzdem Schaden an. Wenn du etwas schärfst, wirklich schärfst, dann musst du nicht grob werden. Dann reicht Genauigkeit.

Mein Großvater hätte das vermutlich nicht so gesagt.

Er war kein Mann für ausführliche Selbstdeutung. Er war streng. Verlässlich. Groß im Raum. Manchmal zu groß für ein Kind, das lieber noch draußen mit Freunden geblieben wäre. Und damit bin ich bei einer Szene, die mir bis heute wehtut.

Ich sehe ihn im Garten stehen.

Er ruft mir zu, ich solle zum Gebetläuten wieder zu Hause sein. Danach müssten wir noch dieses und jenes machen. Eins, zwei, drei Aufgaben, nichts Weltbewegendes vielleicht, aber verbindlich. Zum Gebetläuten. Das war eine Uhrzeit, die nicht diskutierte. Kein digitaler Kalender, keine Push Nachricht, kein „Ich komme gleich“. Die Glocke läutet. Du bist da.

Ich wollte spielen.

Natürlich wollte ich spielen. Ich war ein Kind. Freunde waren draußen, der Tag war noch nicht fertig, und in einem Kind kann eine Pflicht schnell aussehen wie eine Gemeinheit. Also sagte ich zu ihm, sinngemäß: Das machst du doch mit Absicht. Du willst nur nicht, dass ich mit meinen Freunden spiele.

Ich weiß noch sein Gesicht.

Damals habe ich es nicht verstanden. Heute schon. Da war keine Wut. Zumindest nicht zuerst. Da war Enttäuschung. Vielleicht Schmerz. Dieser kurze Moment, in dem ein Mensch merkt, dass das, was er als Halt gibt, beim anderen als Härte ankommt. Er wollte mir Ordnung geben. Eine linke und eine rechte Grenze, wie man später bei der Bundeswehr sagen würde. Einen Rahmen, in dem ich mich bewegen konnte, ohne wegzutreiben.

Ich sah das nicht.

Wie auch. Ich war ein Kind. Kinder erkennen Fürsorge nicht immer, wenn sie in Arbeitskleidung kommt und nach Pflichten riecht.

Das Erstaunliche ist, was dann nicht kam.

Wer meinen Großvater kannte, hätte vielleicht erwartet, dass jetzt eine Ansage kommt. Eine richtige. Nicht pädagogisch weichgespült, sondern deutlich, mit Punkt am Ende und wenig Raum für Einspruch. Er war streng genug dafür. Er hätte es gekonnt.

Aber er sagte nichts.

Er drehte sich nur um und ging.

Dieser Gang ist mir geblieben. Vielleicht mehr als jede Ansage, die er hätte machen können. Er nahm meinen Vorwurf mit, ohne ihn vor mir auszubreiten. Er ließ ihn nicht an mir aus. Er machte daraus keinen Machtkampf. Heute tut mir dieser Moment leid. Als Kind hätte ich nicht erwachsener sein können; das konnte ich nicht. Trotzdem erkenne ich heute, dass ich ihn an einer Stelle getroffen habe, an der er mir eigentlich etwas geben wollte.

Halt sieht für Kinder manchmal aus wie Verbot.

Erst später merkt man, dass beides nicht dasselbe ist.

Mein Großvater gab Halt nicht durch große Reden. Er gab ihn durch Dasein. Durch Arbeit. Durch Verlässlichkeit. Durch Regeln. Durch das stille Selbstverständnis, dass man tut, was getan werden muss. Das klingt hart, wenn man es falsch liest. Es war aber nicht nur hart. Darin lag auch Liebe. Keine Liebe mit Schleife. Keine, die sich ständig selbst erklärt. Eher eine Liebe mit Arbeitsschürze, scharfem Messer und der Uhrzeit des Gebetläutens.

Auch seine Treue zu meiner Großmutter gehört dazu.

Als Kind ordnet man das nicht ein. Man sieht zwei alte Menschen, einen Alltag, Gewohnheiten, vielleicht auch Reibung. Erst später versteht man, was es bedeutet, wenn zwei Menschen ein Leben tragen. Nicht als Sonntagsbild, sondern durch Arbeit, Krankheit, Sorgen, Aufbau, Verlust, Wiederaufbau. Sich unterstützen, auch wenn es schwierig ist. Beieinanderbleiben, ohne dauernd Worte dafür zu suchen.

Er kam aus Böhmen.

Als Jugendlicher fuhr er mit dem Fahrrad nach Ulrichsricht bei Weiden, um Metzger zu lernen. Allein dieser Satz enthält schon mehr Welt, als ich als Kind begriffen hätte. Böhmen. Fahrrad. Lehre. Weggehen. Ankommen. Arbeiten. Später war er Wirt, gab eine Wirtschaft auf, zog nach Waldthurn, baute sich dort ein Leben auf. Metzgerei. Haus. Familie. Betrieb. Enkel. Alles Dinge, die nicht einfach entstehen, weil man sie sich wünscht. Man muss sie machen. Mit Händen. Mit Rücken. Mit Geduld. Wahrscheinlich auch mit Ärger, den keiner später in Familiengeschichten sauber mitschreibt.

Er sagte Sätze, die geblieben sind.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“

Dieser Satz hat mich später zu einem anderen Manuskript geführt. Vielleicht, weil Schweigen in unserer Familie nie nur Abwesenheit von Worten war. Es konnte Schutz sein, Trotz, Würde, Druck, Liebe, Strafe, alles gleichzeitig. Ein schöner Satz und ein gefährlicher. Wie viele gute Sätze.

Ein anderer Satz war noch praktischer.

Er sagte zu uns Jungs: Egal, was ihr später macht, egal, welchen Beruf ihr lernt oder wohin ihr geht, ihr lernt vorher einen Handwerksberuf. Ihr müsst lernen, dass Arbeit wichtig ist. Und ihr müsst verstehen, wie wertvoll etwas ist, wenn man es mit den Händen macht.

Das war keine romantische Verklärung des Handwerks.

Es war eine Grundordnung.

Bevor du über Arbeit redest, arbeite. Bevor du Verantwortung willst, verstehe, was Mühe ist. Bevor du glaubst, du seist zu fein für etwas, lerne, wie schwer etwas wird, wenn man es wirklich macht. Ich bin diesen Weg mit Umwegen gegangen, natürlich. Geradeaus wäre auch zu einfach gewesen und hätte meinen Lebenslauf unnötig verdächtig gemacht. Aber ich bin ihn gegangen.

Heute merke ich, wie viel von ihm geblieben ist.

Geblieben sind nicht bloß einzelne Sätze oder Erinnerungen an die Metzgerei. Eher eine innere Ausrichtung. Mach es ordentlich. Schau hin. Halte dein Werkzeug scharf. Sei verlässlich. Rede nicht alles kaputt. Gib anderen Halt, auch wenn sie ihn gerade für eine Zumutung halten.

Er war streng. Ja.

Aber Strenge ist nicht automatisch Kälte. Manchmal ist Strenge eine Form von Verantwortung, die keine gute Sprache für Zärtlichkeit hat. Als Kind habe ich das nicht verstanden. Heute sehe ich einen Mann, der sicher nicht perfekt war, aber stand. Wirklich stand. In einer Zeit, in der ich Halt brauchte, war er ein Fels. Kein Ersatz für den Vater. Kein Mann, der alles auffangen konnte.

Aber einer, an dem die Brandung nicht sofort vorbeikam.

Und vielleicht ziehe ich deshalb bis heute Kraft aus ihm. Aus seinen Taten, seinen Worten, seinem Leben. Aus dem Hocker neben dem Arbeitstisch. Aus dem Messer. Aus dem Gebetläuten. Aus dem Gang, mit dem er damals meinen Vorwurf mitnahm und mich nicht kleiner machte, als ich ohnehin schon war.

Manchmal denke ich heute: Wie schön wäre es, wenn ich mit diesem Mann jetzt eine Tasse Kaffee trinken könnte.

Alles nachholen könnte ich ohnehin nicht. Ich müsste ihm vielleicht auch gar nicht erklären, dass ich es irgendwann verstanden habe. Vielleicht würde er nur dasitzen, die Tasse in der Hand, kurz nicken und irgendetwas sagen, das viel zu knapp wäre für das, was ich gern hören würde. Wahrscheinlich würde er nicht einmal viel sagen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Er hätte also gute Ausreden gehabt.

Aber ich hätte Fragen.

Viele Fragen.

Über Böhmen. Über das Fahrrad nach Ulrichsricht. Über die Wirtschaft. Über den Anfang in Waldthurn. Über die Metzgerei. Über meine Großmutter. Über meinen Vater. Über mich als Kind. Über den Tag im Garten, an dem ich ihm vorwarf, er wolle mich nur vom Spielen abhalten. Ich würde ihn gern fragen, ob er damals verletzt war. Obwohl ich die Antwort vielleicht gar nicht hören müsste, weil ich sie heute in seinem Gesicht von damals schon sehe.

Und ich würde gern Danke sagen.

Ohne große Geste. Ohne Feierlichkeit. Das hätte vermutlich nicht zu uns gepasst. Eher so, wie man es bei einer Tasse Kaffee sagt, wenn kurz Ruhe ist und keiner den Satz größer macht, als er sein muss.

Danke.

Ich habe das erst spät verstanden.

Aber vielleicht ist Verstehen manchmal auch ein Handwerk.

Man lernt es nicht auf einmal. Man steht daneben. Man bekommt einen Hocker. Man schaut zu. Man macht Fehler. Und irgendwann, viele Jahre später, merkt man, dass einem jemand längst gezeigt hat, wo die linke Hand hingehört und wo die rechte.

Ein Fels erklärt nicht die ganze Küste.

Mein Großvater gab Halt. Aber Halt ist nicht dasselbe wie Herkunft. Neben dem, was stand, gab es auch das, was fehlte. Und dieses Fehlen hatte keine klare Kante, keinen sauberen Namen und keinen Wegweiser. Eher Nebel.

Teil II · Felsen, Nebel, Spiegel Die Küste ohne Vorlage Zum Lesen öffnen

Von meinem Vater habe ich keine durchgehende Erinnerung.

Eher Nebel. Und darin einzelne Dinge, die plötzlich auftauchen, als hätten sie nie aufgehört zu warten.

Manchmal taucht etwas auf. Eine Tür. Eine Couch. Eine Stimme. Ein Hof. Sand zwischen Pflastersteinen. Dann ist es wieder weg. Es verschwindet nicht langsam oder poetisch. Es ist einfach weg. Als hätte jemand an einer Stelle der Kindheit zu viel Licht gelöscht und vergessen, es später wieder einzuschalten.

Ich weiß nicht, ob das Verdrängung ist. Vermutlich. Vielleicht schützt sich ein Kind so, wenn etwas zu groß ist, zu hart, zu früh. Vielleicht ist Nebel nicht nur Verlust, sondern auch Schutz. Eine Decke, die der Kopf über etwas legt, weil er es sonst nicht aushält. Das klingt fast freundlich. Ist es aber nicht. Schutz kann auch bedeuten, dass man später vor einer leeren Stelle steht und weiß: Da war etwas. Aber ich komme nicht mehr hin.

Ich kenne Nebel auch anders.

Jahre später, Mali. Einsatz. Koulikoro. Wochen in einem Land, in dem Hitze nicht nur Temperatur ist, sondern ein Zustand. Schwül, feucht, schwer. Morgens kam ich aus dem Gebäude, in dem wir uns trafen, bevor es in die Klinik ging. Es hatte ungefähr achtundzwanzig Grad. Eigentlich kein Wetter, bei dem man friert. Und trotzdem fröstelte mich. Nebel lag über dem Gelände, als hätte jemand das Warme mit etwas Kaltem überzogen, das nicht zur Temperatur passte.

Vielleicht ist das ein gutes Bild für manche Erinnerungen.

Es kann warm sein, und trotzdem friert man.

Eine Erinnerung beginnt an einer geschlossenen Wohnzimmertür.

Ich komme nach Hause oder gehe in die Wohnung, genau weiß ich es nicht mehr. Mein Vater liegt auf der Couch. Hinter dieser Tür. Ich darf nicht hinein. Meine Mutter sagt: Papa geht es nicht gut.

Mehr ist da nicht.

Papa geht es nicht gut.

Ein Satz, den ein Kind hört, ohne zu wissen, wie schwer er ist. Vielleicht schaut man zur Tür. Vielleicht wartet man. Vielleicht spürt man, dass Erwachsene anders sind als sonst. Ich weiß es nicht. Dann Nebel.

Die nächste Erinnerung steht im Hof.

Wir hatten gepflastert. Ich kehrte Sand ein. Dieses Bild ist merkwürdig klar. Pflaster, Sand, Bewegung, wahrscheinlich ein Besen in meiner Hand. Solche Dinge bleiben manchmal, während das Eigentliche verschwindet. Als würde der Kopf sagen: Den Sand darfst du behalten. Den Rest nicht.

Jemand sagte mir, dass Papa tot ist.

Ich weiß nicht mehr, wer es war. Ich weiß nicht mehr, wie der Satz genau lautete. Ich weiß nur noch, dass ich meine Jacke auszog und sie zu Boden pfefferte. Nicht legte. Nicht fallen ließ. Pfefferte. Ein Kind hat nicht viele Möglichkeiten, wenn eine Welt plötzlich nicht mehr stimmt. Eine Jacke kann dann das Einzige sein, was man werfen kann.

Dann wieder Nebel.

Von dieser Zeit meiner Kindheit weiß ich fast nichts mehr. Wirklich fast nichts. Einzelpunkte, ja. Splitter. Aber keine Strecke. Keine geschlossene Erzählung. Es ist, als hätte die Küste an dieser Stelle keine Linie, sondern nur einzelne Felsen, die bei Ebbe kurz sichtbar werden. Man kann nicht darauf entlanggehen. Man kann nur von einem zum anderen schauen und ahnen, dass dazwischen einmal Land gewesen sein muss.

Ein anderer Splitter: Ich sitze im Hochstuhl.

Wenn ein Kind noch im Hochstuhl sitzt, ist es klein. Sehr klein. Vielleicht ist es deshalb komisch, dass ich mich daran erinnere. Mein Gedächtnis kann Namen ganzer Schulklassen verlieren, aber Rührei hebt es auf. Auch eine Begabung. Eine fragwürdige, aber immerhin.

Vor mir steht Rührei. Ich soll essen. Ich habe keinen Hunger. Eigentlich will ich nur bei meinen Eltern sein. Sie wollen wahrscheinlich nur, dass der Junge endlich ins Bett geht. Auch Eltern sind irgendwann müde. Das versteht man als Kind nicht. Als Kind denkt man: Ich will hier sein. Warum verstehen die das nicht?

Mein Vater ärgert sich.

So erinnere ich es. Oder so hat mein Kopf es abgespeichert. Ein Kind im Hochstuhl, Rührei, Müdigkeit, Ärger. Mehr nicht. Auch hier wieder kein ganzer Film, sondern ein kurzer Ausschnitt, schlecht beleuchtet und trotzdem hartnäckig.

Noch eine Szene.

Ich wollte nicht in den Kindergarten. Warum, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war der Tag falsch. Vielleicht ich. Vielleicht beides. Jedenfalls saß ich irgendwann mit meinem Teddybären auf der Küchenbank bei meinen Großeltern, im Vorraum der Metzgerei, in dieser großen Küche, die zu meinem inneren Grundriss gehört wie andere Menschen ihren Schulweg im Kopf haben. Ich saß dort einen ganzen Vormittag, brav und leise.

Mein Vater sah mich an.

Heute, als Vater, erkenne ich vermutlich besser, was damals in seinem Blick lag. Ärger. Ja. Aber vielleicht nicht nur Ärger. Vielleicht auch dieses merkwürdige Gemisch, das man als Eltern kennt: Man ist genervt, weil etwas nicht läuft, weil man konsequent bleiben will, weil das Kind nicht das tut, was es tun soll, und gleichzeitig schaut man dieses Kind an und denkt: Ich habe dich doch lieb, du kleiner Sturkopf, du machst mich fertig, aber ich habe dich lieb.

Nur sagt man das nicht immer.

Manchmal sagt man stattdessen etwas anderes.

Er sagte: Wenn du immer so brav wärst.

Dieser Satz ist geblieben. Und er ist schwer. Nicht, weil er böse sein muss. Vielleicht war er gar nicht böse gemeint. Vielleicht war er nur ein Satz aus einem anstrengenden Vormittag, gesprochen von einem Vater, der auch nicht immer wusste, wie man Liebe, Ärger und Konsequenz in die richtige Reihenfolge bringt. Das weiß ich heute, weil ich selbst Kinder habe. Ich kenne diese Sekunden, in denen man eigentlich sagen möchte: Ich liebe dich. Und dann sagt man etwas Pädagogisches. Oder etwas Strenges. Oder etwas, das später im Kopf des Kindes größer wird, als man es je gemeint hat.

Das ist eine unangenehme Erkenntnis.

Nicht nur über meinen Vater. Auch über mich.

Vielleicht liegt genau dort der Nebel, den ich heute manchmal spüre, wenn ich vor meinen eigenen Kindern stehe. Nicht immer. Nicht dauernd. Aber in bestimmten Momenten. Wenn ein Sohn etwas tut, das mich an mich erinnert. Wenn ich merke, wie schnell Ärger an die Oberfläche kommt, obwohl darunter Sorge liegt. Wenn ich konsequent sein will und gleichzeitig weiß, dass dieses Kind gerade vielleicht etwas anderes braucht. Nähe. Ruhe. Erklärung. Oder einfach einen Vater, der nicht gleich alles richtig macht, aber da bleibt.

Da ist dann diese fehlende Vorlage.

Ich muss vorsichtig sein mit diesem Satz. Niemand lernt Vatersein wie einen Beruf. Es gibt keine Gesellenprüfung im Windelnwechseln, kein Meisterstück im Geduldigbleiben, keine Urkunde für „hat heute nicht gebrüllt, obwohl Lego im Fuß steckte“. Jeder Vater tastet sich vor. Jeder macht Fehler. Jeder hat blinde Flecken. Wer etwas anderes behauptet, hat vermutlich entweder keine Kinder oder ein sehr schlechtes Gedächtnis.

Mir geht es nicht darum, dass andere eine Anleitung hatten und ich nicht.

Mir geht es um etwas anderes.

Mir fehlte eine gelebte Vorlage in einer Zeit, in der man sie braucht, ohne das Wort Vorlage überhaupt zu kennen. Sehen. Nachmachen. Vormachen. Erklären. Üben. Kein Unterricht im engeren Sinn. Alltag. Wie spricht ein Vater, wenn er müde ist? Wie entschuldigt er sich? Wie setzt er eine Grenze? Wie tröstet er? Wie bleibt er ruhig, wenn er nicht ruhig ist? Wie zeigt er Liebe, ohne sie ständig auszusprechen? Wie trägt er Verantwortung, wenn keiner zuschaut?

Solche Dinge lernt man nicht aus einem Buch.

Man sieht sie.

Oder man sieht sie nicht.

Ich habe zu wenig gesehen. Ich glaube nicht, dass es an seinem Wollen oder Können gelegen hätte. Er ging, bevor ich alt genug war, ihn wirklich im Alltag lesen zu können. Er starb zu früh. Und mit ihm ging nicht nur ein Mensch, sondern auch eine Möglichkeit, von ihm zu lernen.

Das tut weh.

Auch, weil ich glaube, dass er mir viel hätte geben können. Aus dem, was ich über ihn weiß, war er ein großartiger Mensch. Ich schreibe „aus dem, was ich über ihn weiß“, und schon liegt darin das Problem. Ich weiß zu wenig. Zu wenige Geschichten. Zu wenige Bilder. Zu wenige Sätze aus seinem Mund. Zu wenig von dem Mann, der mein Vater war.

Es gibt Menschen, die tragen ihre Väter als Stimme in sich.

Ich trage eher Fragen.

Manchmal frage ich mich, was er gesagt hätte, wenn er mich heute sehen könnte. Als Vater. Als Soldat. Als jemand, der Verantwortung trägt und trotzdem oft nicht weiß, ob er gerade richtig liegt. Hätte er mich verstanden? Hätte er gelacht? Hätte er den Kopf geschüttelt? Hätte er mir einen Satz gesagt, der mich geärgert hätte und zehn Jahre später gerettet?

Ich weiß es nicht.

Da ist wieder dieses Nichtwissen. Aber hier ist es anders als bei einer Prüfung, einem Abschluss oder einer Tür, bei der ich zurückgehen kann, um zu prüfen, ob sie abgeschlossen ist. Bei meinem Vater kann ich nicht zurückgehen. Ich kann nicht die Treppe hoch, an der Tür drücken und feststellen: Ja, da ist er. Alles gut. Diese Tür bleibt zu.

Vielleicht deshalb ist die Küste ohne Vorlage keine leere Küste.

Sie ist eine mit Nebel. Mit einzelnen Felsen. Mit Spuren im Sand, die man nicht ganz lesen kann. Mit Geräuschen, die vielleicht Brandung sind oder Erinnerung. Und irgendwo dahinter steht der Wunsch, einmal klarer sehen zu dürfen.

Ich müsste dadurch nicht alles erklären können. Ich hätte nur mehr von ihm.

Ich glaube, ich mache vieles richtig als Vater. Ich schreibe das vorsichtig, aber ich glaube es. Vielleicht muss ich es sogar glauben, sonst würde der Nebel alles schlucken. Ich bin da. Ich versuche hinzusehen. Ich reflektiere, manchmal zu viel, manchmal zu spät, manchmal genau richtig. Ich will meinen Kindern Halt geben, ohne sie festzubinden. Grenzen, ohne sie kleinzumachen. Liebe, ohne sie zu ersticken. Und ja, ich mache Fehler. Natürlich. Väter machen Fehler. Mütter auch. Menschen sowieso. Da ist die Natur erstaunlich demokratisch.

Aber manchmal denke ich: Mit ihm im Rücken wäre manches klarer.

Leichter wäre es dadurch nicht automatisch geworden; das Leben ist selten so freundlich. Klarer vielleicht.

Vielleicht hätte ich von ihm lernen können, wie man nach einem harten Satz wieder weich wird. Wie man nach Ärger Nähe zeigt. Wie man einem Kind sagt: Geh schlafen, ohne dass es sich weggeschickt fühlt. Wie man auf einer Küchenbank einen Teddybären sieht und nicht nur den verweigerten Kindergarten.

Vielleicht hätte er mir genau das nicht perfekt gezeigt.

Vielleicht hätte ich auch an ihm gerieben, wie Söhne sich an Vätern reiben. Vielleicht hätte ich ihn kritisiert, missverstanden, bewundert, abgelehnt und später wieder verstanden. Auch das wäre Lernen gewesen.

Aber diese Strecke fehlt.

Und deshalb stehe ich manchmal an dieser Küste, schaue in den Nebel und versuche, aus wenigen Erinnerungen eine Linie zu erkennen. Couch. Tür. Rührei. Küchenbank. Teddybär. Hof. Sand. Jacke. Nebel.

Das ist nicht viel.

Aber es ist nicht nichts.

Vielleicht beginnt genau dort die Aufgabe: nicht so zu tun, als wäre die Küste vollständig, sondern mit dem zu arbeiten, was sichtbar ist. Den Nebel nicht wegzulügen. Die Lücke nicht größer zu machen, als sie ist, aber auch nicht kleiner.

Mein Großvater war der Fels in der Brandung.

Mein Vater ist die Küste im Nebel.

Beides gehört zu mir.

Und beides wirkt weiter.

Wer auf Nebel schaut, sieht irgendwann auch sich selbst nicht mehr ganz klar.

Vielleicht liegt es daran, dass ich heute bei meinen Kindern manchmal genauer hinsehe, als angenehm ist. Nicht, weil sie meine Geschichte fortsetzen sollen. Sondern weil sich in ihren Bewegungen, Sätzen und Kämpfen etwas spiegelt, das ich von früher kenne.

Teil II · Felsen, Nebel, Spiegel Der Spiegel im Wasser Zum Lesen öffnen

Kinder sind kein Material.

Das klingt hart als erster Satz. Gut so. Er muss da stehen, gerade bei diesem Text. Ich schreibe hier nicht über meine Kinder, als wären sie Beispiele in einem Fachbuch, Fallnummern in einer Akte oder kleine Figuren, die man in ein Manuskript stellt, damit der Vater darin besser aussieht. Das wäre falsch. Und billig. Kinder haben ein Recht darauf, nicht verwertet zu werden, nur weil Erwachsene irgendwann anfangen, über sich selbst nachzudenken.

Trotzdem gehören sie hierher, weil sie mir manchmal etwas zeigen, das ich an mir lange nicht verstanden habe.

Es gibt Momente, in denen ich eines meiner Kinder beobachte, und plötzlich sehe ich nicht nur dieses Kind. Ich sehe eine Bewegung, einen Satz, eine Art, im Raum zu sein, und etwas in mir wird sehr still. Nicht die stille Bucht mit Musik und Ruhe, eher ein anderes Still. Eines, bei dem man merkt, dass gerade etwas Altes die Hand hebt.

Das kenne ich.

Dieser Gedanke kommt manchmal schnell. Zu schnell fast. Ein Kind kommt aus der Schule nach Hause und erzählt von einer Situation. Oder wir sitzen irgendwo, in einem Wartezimmer, bei einem Fachgespräch, bei jemandem, der helfen will und Fragen stellt. Manchmal ist es auch nur eine kleine Szene zu Hause. Ein Blick. Eine Reaktion. Dieses innere Wegkippen, wenn die Welt zu laut wird. Oder ein Satz, der schräg kommt, aber nicht frech gemeint ist. Eine Bewegung, die andere vielleicht falsch lesen würden. Eine Art, präsent zu sein, obwohl man innerlich längst mit mehreren Dingen gleichzeitig beschäftigt ist.

Dann denke ich: Das könnte ich gewesen sein.

Eins zu eins stimmt das natürlich nicht. Meine Kinder sind keine Wiederholung von mir. Sie sind eigene Menschen, mit eigener Würde, eigenem Kopf, eigenem Weg. Das muss man sich als Vater immer wieder sagen, gerade wenn man sich erkennt. Sonst wird aus Liebe schnell Projektion, und Projektion trägt gern einen Mantel, auf dem „Ich meine es doch nur gut“ steht. Ein gefährliches Kleidungsstück. Passt vielen Erwachsenen leider erstaunlich gut.

Manche Muster erkenne ich trotzdem.

Ich erkenne, wie schwer es sein kann, wenn andere ein Kind nicht einordnen können. Wenn es nicht so reagiert, wie erwartet. Wenn es anders fragt, anders denkt, anders langsam oder anders schnell ist. Wenn es nicht in die Schublade passt, die gerade offensteht, und ein Erwachsener dann nicht etwa die Schublade infrage stellt, sondern das Kind.

Gegen andere Kinder richtet sich dieser Gedanke kaum. Kinder sind Kinder. Sie können hart sein, ja, ungerecht, direkt, manchmal grausam beiläufig, aber sie sind selbst noch unterwegs. Sie üben Welt. Sie stoßen aneinander, probieren Rollen, Wörter, Grenzen. Da ist nicht alles schön, aber vieles erklärbar.

Bei Erwachsenen fällt mir das schwerer.

Wenn Erwachsene blind urteilen, wird es gefährlich. Wenn sie über ein Kind sprechen, als hätten sie es verstanden, obwohl sie nur seine Oberfläche gesehen haben. Wenn sie aus einem Verhalten eine Haltung machen, aus einer Besonderheit eine Schuld, aus einem schwierigen Moment eine Eigenschaft. Dann möchte ich manchmal dazwischengehen und sagen: Vorsicht. Sie sehen gerade nicht das Kind. Sie sehen Ihre Erwartung, die gerade beleidigt in der Ecke steht.

Ich kenne diese andere Seite.

Das Gefühl, nicht verstanden zu werden, aber trotzdem benannt zu werden. Dumm. Faul. Schwierig. Unkonzentriert. Zu langsam. Zu laut. Zu empfindlich. Zu irgendwas. Hauptsache, es passt auf ein Etikett. Erwachsene mögen solche Wörter, weil sie Ordnung schaffen. Leider oft nur für die Erwachsenen.

Für das Kind schaffen sie Gewicht.

Dieses Gewicht sehe ich manchmal wieder. Nicht in derselben Form, nicht mit denselben Namen, nicht in derselben Zeit. Aber ich sehe, wie ein Kind versucht, seinen Platz zu finden, und wie schnell die Welt sagt: So bitte nicht. Ich sehe, wie sich ein Kind Mühe gibt, obwohl die Mühe von außen nicht immer aussieht wie Mühe. Ich sehe, wie Intelligenz und Stolpern nebeneinanderstehen können, ohne sich gegenseitig aufzuheben.

Das begreifen viele nicht.

Für manche ist ein kluges Kind automatisch ein Kind, das alles können müsste. Als wäre Begabung ein Generalschlüssel für jedes Schloss. Schön wär’s. Dann würde man ihn an den Schlüsselbund hängen, neben Wohnung, Keller und Auto, und die Sache wäre erledigt.

So ist es aber nicht.

Ein Kind kann unglaublich viel verstehen und trotzdem an etwas scheitern, das für andere klein aussieht. Es kann tief denken und den nächsten praktischen Schritt nicht finden. Es kann viel in sich haben und trotzdem Hilfe brauchen. Das eine radiert das andere nicht aus.

Vielleicht ist genau das der Satz, den ich früher gebraucht hätte.

Das eine macht das andere nicht ungültig.

Wenn ich meine Kinder anschaue, sehe ich deshalb Sorge, Wiedererkennen und Aufgabe zugleich. Es geht eher darum, sie zu schützen, ohne sie einzusperren. Sie ernst zu nehmen, ohne sie dauernd erklären zu müssen. Und ihnen Namen zu geben, die tragen, statt welche, die kleben.

Das ist schwer.

Weil ich als Vater manchmal zu schnell innerlich loslaufe. Ich höre eine Geschichte aus der Schule, sehe eine Reaktion eines Erwachsenen oder spüre, dass eines meiner Kinder sich unverstanden fühlt, und in mir steht sofort der kleine Christian auf. Ruhig ist dieser innere Junge dann selten. Sachlich auch nicht besonders. Eher steht er mit hochgekrempelten Ärmeln da und will endlich einmal sagen, was damals keiner gesagt hat.

Aber meine Kinder brauchen nicht meinen alten Kampf.

Sie brauchen meinen heutigen Blick.

Das ist ein Unterschied, den ich lernen muss. Immer wieder. Ich darf meine Erfahrung nutzen, aber ich darf sie nicht über ihre legen wie eine Folie, durch die alles sofort nach meiner Kindheit aussieht. Manchmal ist ihre Situation wirklich ähnlich. Manchmal auch nicht. Manchmal braucht es Schutz. Manchmal Erklärung. Manchmal Geduld. Manchmal ein Gespräch mit Erwachsenen, die eigentlich zuhören müssten. Und manchmal muss ich nur da sein und aushalten, dass ich nicht alles sofort lösen kann.

Das fällt mir schwer.

Natürlich fällt es mir schwer. Ich bin getrieben von mir selbst. Wenn ich sehe, dass etwas nicht passt, will ich es passend machen. Wenn ich sehe, dass ein System ein Kind falsch liest, will ich das System schütteln, bis ihm die Brille richtig sitzt. Das ist nicht immer hilfreich, aber sehr menschlich. Zumindest bei mir.

Der Spiegel im Wasser ist dabei tückisch.

Man schaut hinein und sieht das Kind. Dann bewegt sich die Oberfläche, und plötzlich sieht man sich selbst. Den Jungen, der nicht verstanden wurde. Den Schüler, der aus dem Fenster schaute. Den, über den gelacht wurde, weil ein Wort falsch war. Den, der Abschlüsse machte und ihnen trotzdem nicht ganz glaubte. Alles erscheint gleichzeitig, und man muss aufpassen, dass man nicht in den Spiegel hineingreift, um die Vergangenheit zu retten.

Das geht nicht.

Ich kann meine Kindheit nicht nachträglich beschützen. Ich kann nicht zu jedem Erwachsenen zurückgehen, der damals zu schnell geurteilt hat, und ihm die Hand auf den Tisch legen. Ich kann nicht jeden falschen Namen abwaschen, der irgendwo hängen geblieben ist.

Aber ich kann heute vorsichtiger sein.

Mit meinen Kindern. Mit ihren Geschichten. Mit meinen Reaktionen. Mit meinem Ärger auf andere Erwachsene. Mit meiner eigenen Angst, dass sie etwas durchleben müssen, das ich kenne. Ich kann versuchen, sie als eigene Menschen zu sehen, bei denen mir mein eigener Weg manchmal hilft, genauer hinzuschauen.

Vielleicht ist das der eigentliche Spiegel.

Ich sehe in ihnen keine Kopie von mir. Ich erkenne durch sie etwas, das ich an mir lange nicht verstanden habe.

Und vielleicht kann ich ihnen dadurch etwas geben, das ich selbst oft vermisst habe. Perfekte Antworten kann ich ihnen nicht geben. Ständige Rettung auch nicht. Und versprechen, dass die Welt sie immer richtig lesen wird, kann ich erst recht nicht. Die Welt liest oft schlampig, und manche Erwachsene überfliegen Kinder wie schlechte Aktenvermerke.

Aber ich kann ihnen zeigen: Ich sehe dich.

Mehr als dein Verhalten. Mehr als die Note, den Satz, den Ausbruch, die Verweigerung, die Tränen, die Wut, die Ablenkung, das Schweigen.

Dich.

Vielleicht reicht das nicht immer.

Aber es ist ein Anfang.

Und manchmal ist ein Anfang genau das, was ein Kind braucht, um nicht an einem falschen Namen hängen zu bleiben.

Ein Spiegel zeigt viel.

Aber er löst nichts. Er sagt nicht, welche Hilfe richtig ist, wann man eingreifen muss und wann man nur ruhig danebenstehen sollte, obwohl innerlich schon jemand die Möbel rückt. Genau dort beginnt eines der schwierigsten Gelände: die Frage, welche Hilfen Kindern wirklich Raum geben.

Teil II · Felsen, Nebel, Spiegel Der Tiger hinter dem Riff Zum Lesen öffnen

Ein Tiger hinter einem Riff ist Unsinn.

Genau deshalb passt er hierher.

Ein Tiger gehört nicht hinter ein Riff. Er gehört in den Dschungel, auf trockenes Land, irgendwohin, wo man ihn wenigstens halbwegs erwartet. Aber manche Dinge im Leben passen eben nicht dorthin, wo andere sie gern einsortieren würden. Sie stehen quer im Bild. Man liest es und denkt: Moment, das stimmt doch nicht. Der innere Oberstudienrat hebt die Hand. Und genau dann schaut man genauer hin.

Bei der Frage nach Medikamenten ist das ähnlich.

Viele sehen zuerst den Käfig. Sie hören Medikament und denken: Ruhigstellen. Wegdrücken. Anpassen. Das Kind soll funktionieren. So schnell ist dieses Urteil fertig. Man muss dann nicht mehr viel anschauen. Praktisch für den Urteilenden. Für das Kind eher weniger.

Ich verstehe die Sorge trotzdem.

Wer einem Kind etwas gibt, das Aufmerksamkeit, Impulse und das Durcheinander im Kopf beeinflusst, darf nicht leichtfertig sein. Da darf kein Automatismus entstehen. Kein: Das Kind ist anstrengend, also machen wir es passend. Wenn es so wäre, würde ich selbst misstrauisch werden. Sehr sogar.

Aber so erleben wir es nicht.

Man kann vieles ohne Medikamente schaffen. Ich bin vermutlich ein gutes Beispiel dafür. Ich bin durch Schule, Ausbildungen, Lehrgänge, Prüfungen, Bundeswehr, Beruf und Ehrenamt gekommen, ohne Diagnose auf Papier, ohne Medikamente, ohne jemanden, der gesagt hätte: Da läuft etwas anders, lass uns passende Werkzeuge suchen. Ich habe es trotzdem geschafft. Irgendwie. Mit Umwegen, Strukturen, Druck, Glück, Menschen, die mich gesehen haben, und einer gewissen Fähigkeit, lange genug weiterzugehen, bis wieder Sand unter den Füßen war.

Das geht.

Die spannendere Frage lautet: Macht es das leichter?

Eher nicht.

Als Erwachsener habe ich gelernt, mir Hilfen zu bauen. Ich schaffe mir Strukturen, Freiheiten, Anker. Ich sperre Türen bewusst zu. Ich lege Dinge so hin, dass mein Kopf weniger Gelegenheit bekommt, sie in irgendeinem inneren Hafenbecken zu versenken. Ich nutze Musik, Schreiben, Technik, Menschen, Routinen. Manches davon sieht von außen klein aus. Für mich hält es den Alltag zusammen.

Ein Kind hat diese Werkstatt noch nicht.

Es kann sich nicht einfach aus einem erwachsenen Erfahrungsregal nehmen, was gerade hilft. Es ist mittendrin. Die Welle ist im Gesicht, bevor das Kind weiß, dass es Strömung heißt.

Und dann kommt der Alltag.

Mittagessen zum Beispiel.

Eine völlig normale Szene. Teller auf dem Tisch. Besteck. Gespräche. Irgendwo steht eine Ketchupflasche. Ein Kind fragt danach. Das andere antwortet nicht sofort, weil der Mund gerade voll ist oder weil noch Essen auf die Gabel kommt. Eine Verzögerung von wenigen Sekunden. Für viele Familien wäre das nur ein kleiner Moment zwischen Kartoffeln, Besteckklappern und der Frage, wer schon wieder so viel Ketchup braucht, als müsse das Mittagessen konserviert werden.

Bei uns kann so ein Moment kippen.

Ohne Unterstützung steigt die Reizbarkeit manchmal enorm. Die Zündschnur ist dann so kurz, dass sie schon beim Gedanken an das Feuerzeug zu brennen beginnt. Es braucht keinen großen Anlass. Eine nicht sofort beantwortete Frage reicht. Ein Blick. Ein Ton. Eine Verzögerung, die von außen lächerlich klein aussieht und innen offenbar riesig wird. Und plötzlich geht ein Kind ab wie ein Zäpfchen.

Das schreibe ich nicht gern.

Weil es hart klingt. Weil man sein Kind nicht auf solche Momente reduzieren will. Weil man weiß, dass da viel mehr ist: Wärme, Witz, Intelligenz, Zärtlichkeit, Neugier, Spielfreude, dieser ganze bunte Fisch unter der Oberfläche. Aber gerade deshalb muss man ehrlich bleiben. Wenn die Zündschnur zu kurz ist, sieht man oft zuerst die Explosion und viel zu spät das Kind dahinter.

Mit Unterstützung verändert sich etwas.

Von außen betrachtet wird der Umgang ruhiger. Wertschätzender. Es wird mehr gesprochen. Es wird mehr gespielt. Nicht immer, natürlich. Wir leben nicht in einer pädagogischen Musterwohnung mit Filzpantoffeln und leiser Hintergrundmusik. Es gibt weiterhin Streit, Müdigkeit, schlechte Laune, Geschwisterdynamik und Tage, an denen schon das Wort „Socken“ reicht, um die Stimmung zu beschädigen. Familie eben.

Aber der Unterschied ist sichtbar.

Die Kinder kommen eher in Kontakt. Mit sich selbst. Miteinander. Mit dem, was sie eigentlich können. Genau hier wird das Käfigbild falsch. Es wird nichts weggesperrt. Etwas bekommt Zugang.

Noch wichtiger ist, was sie selbst sagen.

Von außen sehe ich Verhalten. Reizbarkeit. Ruhe. Streit. Spiel. Gespräch. Aber das ist nur die Oberfläche. Was in ihnen passiert, können letztlich nur sie beschreiben. Wenn sie sagen, dass es im Kopf ruhiger ist, höre ich sehr genau hin.

Ruhiger im Kopf.

Dieser Satz trifft mich, weil ich ihn kenne.

Bei mir ist es die Musik. Wenn Musik läuft, wird es innen leiser. Das Brummen geht zurück. Die Gedanken drängeln weniger. Kein Wunder und kein dauerhafter Frieden, aber ein spürbarer Unterschied. Wenn eines meiner Kinder beschreibt, dass im Kopf weniger Stimmen ablenken, dass etwas weniger „bestimmt“, dass Arbeiten leichter wird, weil nicht alles gleichzeitig zieht, dann kann ich das nicht kleinreden.

Das ist kein kleiner Satz.

Das ist ein Kind, das plötzlich mehr Zugriff auf sich selbst bekommt.

Vielleicht ist genau das der Tiger.

Nicht die Wut. Nicht die Reizbarkeit. Nicht der Ausbruch am Tisch. Der Tiger ist das, was dahinter wartet. Die Kraft. Die Geschwindigkeit. Die Wachheit. Das Schöne und Gefährliche zugleich. Ein Tiger ist kein Haustier, das man mit Schleifchen auf dem Sofa parkt. Er braucht Raum. Richtung. Respekt. Wer ihn einsperrt, nimmt ihm Würde. Wer ihn einfach loslässt, ohne Gelände, riskiert Chaos.

Also geht es nicht um Käfig oder Freiheit als schöne Parole.

Es geht um Gelände.

Wir geben dem Tiger keinen Käfig. Wir geben ihm Gelände.

Medikamente können ein Teil dieses Geländes sein. So wie Struktur ein Teil sein kann. So wie Therapie, Bewegung, Schule, Verständnis, Schlaf, Essen, Ruhe, klare Sprache und Menschen, die nicht sofort urteilen. Nichts davon ist allein die Lösung. Aber manchmal entsteht aus mehreren Hilfen eine Landschaft, in der ein Kind nicht dauernd gegen sich selbst kämpfen muss.

Ich wünschte, man könnte darüber ruhiger sprechen.

Aber bei Kindern, Medikamenten und Köpfen, die anders arbeiten, wird es schnell laut. Außen. Dort gibt es Urteile, Blicke, Sätze, die man spürt, bevor sie ausgesprochen werden. Wie könnt ihr nur. Muss das sein. Früher ging es doch auch. Der braucht halt Grenzen. Die ist halt verwöhnt. Ihr macht es euch einfach.

Einfach.

Dieses Wort ist in dem Zusammenhang fast komisch. Nichts daran ist einfach. Kein Gespräch mit Ärztinnen und Ärzten. Kein Abwägen. Kein Beobachten. Kein Entscheiden. Kein Aushalten der Frage, ob man gerade das Richtige tut. Kein Blick auf ein Kind, das leidet, obwohl es so viel könnte. Kein Versuch, zwischen Schutz und Freiheit den richtigen Weg zu finden, ohne das Kind dabei aus dem Blick zu verlieren.

Einfach ist daran gar nichts.

Vielleicht reagieren mich diese Urteile deshalb so an. Weil sie oft von Menschen kommen, die nur die Oberfläche sehen. Sie sehen den Ausbruch, aber nicht die Zündschnur. Sie sehen die Ruhe, aber vermuten den Käfig. Sie sehen ein Kind, das plötzlich besser arbeiten kann, und fragen, ob es noch es selbst ist.

Ich frage anders.

Was, wenn vorher nicht der Tiger frei war, sondern der Lärm? Was, wenn das Kind gerade an Stellen herankommt, die vorher zugestellt waren? Was, wenn Motivation sichtbar wird, weil die inneren Ablenkungen nicht mehr alles überlagern?

Sandra Troidl beschreibt diesen Zusammenhang bei Ungebremst Besonders mit dem Bild eines Fasses. Über den Tag sammeln sich Reize, Anforderungen, soziale Anpassung, Müdigkeit, Konflikte und Übergänge. Von außen wirkt dann oft eine Kleinigkeit wie der Auslöser. Tatsächlich war sie häufig nur der letzte Tropfen.

Ich finde dieses Bild hilfreich, weil es den Blick verschiebt. Weg von der Frage: „Warum eskaliert ein Kind wegen Ketchup?“ Hin zu der Frage: „Was war vorher schon alles zu viel?“

Das beantwortet nicht alles. Aber es öffnet einen anderen Blick. Nicht auf das Kind als Problem, sondern auf das, was sich vorher in ihm gesammelt hat.

Wer diesen Gedanken für den Familienalltag weiterverfolgen möchte, findet bei Ungebremst Besonders eine verständliche Einordnung zu Meltdowns, Reizüberflutung und neurodivergentem Alltag.

Ich weiß es nicht endgültig.

Ich bin Vater, kein Orakel im weißen Kittel. Ich beobachte. Ich höre zu. Ich zweifle. Ich frage nach. Ich sehe Unterschiede. Ich sehe Kinder, bei denen unter der Oberfläche mehr los ist, als manche nach drei Sekunden Blickkontakt erkennen wollen. Und ich sehe, wie ungerecht es wäre, ihnen Hilfen zu verwehren, nur weil andere Menschen ein fertiges Urteil mitbringen.

Vielleicht steckt auch in mir mehr Potenzial, als ich selbst lange sehen konnte. Vielleicht habe ich vieles trotzdem geschafft. Vielleicht wäre manches leichter gewesen, wenn früher jemand genauer hingesehen hätte. Das ist keine Klage. Nur eine Frage, die am Rand steht und nicht ganz weggeht.

Bei meinen Kindern möchte ich nicht erst in dreißig Jahren verstehen, was heute schon sichtbar ist.

Ich will hinsehen.

Und wenn ein Kind sagt, dass es im Kopf ruhiger wird, dann ist das kein Satz, den man kleinreden sollte. Ruhe im Kopf ist kein Luxus. Für manche ist sie die Voraussetzung, um überhaupt zeigen zu können, was in ihnen steckt.

Der Tiger hinter dem Riff bleibt ein unmögliches Bild.

Aber vielleicht ist genau das richtig. Außen Brandung. Darunter Farben. Dahinter tiefes Wasser. Und irgendwo, völlig unpassend und doch genau richtig, ein Tiger, der nicht eingesperrt werden will.

Er will laufen.

Nur nicht gegen die Wand. Die Wand hat in der Regel mehr Erfahrung.

Teil III

Vulkan, Archipel, Hafen.

Der dritte Teil führt nach außen: in Verantwortung, Ideen, Sprache, Schreiben und die Frage, wann innerer Druck zu etwas Brauchbarem wird.

Teil III · Vulkan, Archipel, Hafen Der Vulkan der Uniform Zum Lesen öffnen

Die Bundeswehr war nicht mein Plan.

Das ist im Rückblick fast komisch, weil sie später einer der Orte wurde, an denen ich überhaupt erst begriff, was ein Plan sein kann. Jedenfalls nicht der große. Nicht der Plan, den man mit ruhiger Stimme erzählt, wenn jemand fragt, wie man eigentlich zu dem geworden ist, was man heute ist. Ich kam zur Bundeswehr, wollte meine Zeit machen und danach wieder gehen. So einfach war das. Zumindest in meinem Kopf. Der hatte allerdings schon damals die Angewohnheit, einfache Pläne anzusehen, kurz zu nicken und dann etwas völlig anderes daraus zu bauen.

Dreizehn Tage vor meinem Ausscheiden unterschrieb ich.

Dieser Satz steht schon auf der Sandbank der Abschlüsse, aber er gehört hier noch einmal hin, weil dort etwas begann, das größer wurde, als ich es damals überblicken konnte. Ich blieb nicht, weil mir jemand einen roten Teppich ausrollte. Ich blieb, weil Menschen mir sagten: Du machst das gut. Du kannst hier weiterkommen. Du wirst gefördert. Du bekommst Möglichkeiten.

Das klingt nüchtern.

Für mich war es viel.

Vielleicht war es sogar das erste Mal, dass Wertschätzung nicht nur ein nettes Wort war, sondern eine Richtung bekam. Schule hatte mich oft daran erinnert, was nicht passte. Die Bundeswehr zeigte mir, zumindest an entscheidenden Stellen, was gehen könnte. Das ist ein Unterschied. Ein großer. Wenn jemand nicht nur sagt, dass du etwas gut machst, sondern dir Verantwortung gibt, verändert das etwas. Dann steht man nicht mehr nur mit einem Zeugnis in der Hand auf einer Sandbank. Dann merkt man plötzlich, dass unter den Füßen nicht nur Sand ist. Da rumort etwas.

Ein Vulkan vielleicht.

Nicht schön rund und touristisch erschlossen, mit Aussichtspunkt und Souvenirladen. Eher einer, der unter der Oberfläche Druck aufgebaut hat und plötzlich merkt, dass da oben irgendwo ein Weg ins Freie ist. Verantwortung kann so ein Riss in der Oberfläche sein. Sie ist heiß. Sie ist gefährlich, wenn man sie falsch versteht. Aber sie schafft auch Land, wo vorher nur Wasser war.

Mir wurde Verantwortung übertragen.

Nicht sofort im großen Sinn. Niemand stellte mich am ersten Tag irgendwohin und sagte: So, jetzt mach mal Bundeswehr. Wäre auch mutig gewesen. Aber Schritt für Schritt kamen Aufgaben, Rollen, Erwartungen. Man musste liefern. Man musste lernen, mit Menschen umzugehen. Man musste sich einordnen, durchsetzen, zuhören, führen, aushalten. Und man musste begreifen, dass Verantwortung nicht bedeutet, dass man jetzt besonders wichtig ist. Verantwortung bedeutet, dass andere sich darauf verlassen, dass man seinen Teil tut.

Das hat mir gutgetan.

Nicht bequem. Gut.

Mir wurde nichts in den Schoß gelegt. Auch in Uniform fällt einem Entwicklung nicht einfach in die Hände wie ein Werbegeschenk am Tag der offenen Tür. Man muss sich Dinge erarbeiten, Prüfungen bestehen, Lehrgänge schaffen, sich bewähren, Fehler machen, wieder antreten. Und natürlich blieb dieses alte Muster: zufrieden war ich selten. Wenn ich etwas erreicht hatte, sah ich schon, was noch fehlte. Wenn ich eine Stufe genommen hatte, schaute ich zur nächsten. Man kann das Ehrgeiz nennen. Oder Unruhe. Oder diesen inneren Mangel an Feierabend, der sich auch dann meldet, wenn objektiv gerade niemand nach ihm gefragt hat.

Aber die Bundeswehr hatte einen entscheidenden Unterschied zu vielen anderen Orten in meinem Leben.

Sie machte Entwicklung möglich.

Nicht immer elegant. Nicht immer schnell. Nicht immer gerecht. Das wäre eine Verklärung, und Verklärung steht Uniformen ohnehin schlecht. Aber das System hatte Türen. Laufbahnen. Lehrgänge. Förderung. Aufgaben, an denen man wachsen konnte. Wenn man etwas wirklich wollte, wenn man bereit war, dafür Wege zu gehen, dann war vieles möglich. Nicht alles. Aber vieles.

Ich denke dabei manchmal an diesen Satz von Frithjof Bergmann, den man aus dem Zusammenhang von New Work kennt: Mach, was du wirklich, wirklich willst.

Viermal wirklich. Das ist viel wirklich. Einmal hätte vermutlich auch gereicht, aber New Work war offenbar gerade in Hochform.

Aber der Satz hat etwas. Nicht als Kalenderspruch, nicht als „Folge deinem Herzen und vergiss die Miete“, solche Sätze haben oft noch nie eine Nebenkostenabrechnung gesehen. Eher als Prüfstein. Willst du das wirklich? Oder willst du nur die Vorstellung davon? Willst du die Uniform, den Dienstgrad, die Anerkennung, oder willst du auch die Mühe, die Frustration, die Prüfung, die Kritik, die Verantwortung, den nächsten Schritt, obwohl du gerade müde bist?

Bei der Bundeswehr habe ich gemerkt: Wenn ich etwas wirklich wollte, wurde es greifbar.

Nicht durch Zauber. Durch Struktur.

Das ist vielleicht einer der Gründe, warum dieses System für mich funktioniert hat. Ich habe auch dort nie klassisch gelernt. Dieses saubere Hinsetzen, Stoff lesen, Karteikarten schreiben, wiederholen, ablegen, abrufen, das wurde auch in Uniform nicht plötzlich meine Lieblingssportart. Ich war immer noch ich. Der Kopf driftete ab, stellte Verbindungen her, sprang, verlor sich, fand anderes, kam manchmal zurück und manchmal mit einem Eichhörnchen im Gepäck.

Aber die Bundeswehr arbeitet anders als Schule.

Zumindest dort, wo Ausbildung gut gemacht ist. Vormachen. Erklären. Nachmachen. Üben. Wiederholen. Drillen, wenn Drill sinnvoll ist. Anwenden. Prüfen, ob etwas unter Belastung funktioniert. Nicht nur wissen, sondern können. Nicht nur eine Antwort geben, sondern eine Handlung sicher ausführen. In meiner Welt war das ein großer Unterschied.

Ich lerne leichter, wenn etwas Sinn bekommt.

Wenn ich sehe, wofür ich es brauche. Wenn ein Handgriff nicht im Heft bleibt, sondern Wirkung hat. Wenn aus einer Information eine Fähigkeit wird. Vielleicht hat mich das Handwerk darauf vorbereitet. Vielleicht die Metzgerei meines Großvaters. Messer richtig halten. Am Knochen entlang schneiden. Linke Hand, rechte Hand. Feuer im Kessel. Dinge tun, bis sie sitzen. Nicht, weil jemand eine schöne Theorie dazu geschrieben hat, sondern weil man sich sonst in den Finger schneidet oder das Feuer nicht brennt.

Die Bundeswehr kann das.

Sie konnte es im Kern schon lange, auch bevor überall von kompetenzorientierter Ausbildung gesprochen wurde. Der Begriff ist moderner, die Idee dahinter nicht völlig neu: Am Ende zählt nicht, ob jemand einen Inhalt einmal gehört hat, sondern ob er in der Lage ist, in einer Lage richtig zu handeln. Wissen ist wichtig. Natürlich. Ohne Wissen wird Handlung schnell zur mutigen Improvisation mit hohem Schadenspotenzial. Aber Wissen allein reicht nicht. Es muss in Können übergehen.

Das hat mir gelegen.

Nicht immer. Auch dort gab es Stoff, der zäh war, Prüfungen, die genervt haben, Ausbildungen, bei denen ich an Grenzen kam. Besonders im Sanitätsdienst, einem Fachdienst, in dem Fachlichkeit nicht Dekoration ist, sondern Grundlage. Dort reicht es nicht, ungefähr zu wissen, wo der Arm ist. Der Arm hat Details. Leider viele. Und manche davon wollen auch noch lateinische Namen. Da kann der Kopf schon einmal versuchen, sich unauffällig Richtung Fenster zu verabschieden.

Trotzdem war da eine andere Art des Lernens.

Erwachsenenbildung. Weiterbildung. Praxisbezug. Verantwortung. Menschen, die nicht nur beschult werden, sondern befähigt. Das ist ein großes Wort, aber hier passt es. Befähigen heißt, jemanden so auszubilden, dass er etwas tragen kann. Nicht nur eine Prüfung. Eine Aufgabe.

Vielleicht liegt genau dort der Unterschied zur Schule, wie ich sie erlebt habe.

Schule wollte oft, dass ich etwas wiedergebe. Die Bundeswehr wollte, dass ich etwas tue. Natürlich ist das zugespitzt. Schule kann mehr, und Bundeswehr kann auch sehr langweilig sein, wenn sie sich Mühe gibt. Aber in meinem Erleben stimmt die Richtung. Als Kind und Jugendlicher passte ich schwer in das schulische Raster. Als Erwachsener in einem System mit klaren Strukturen, Rollen, praktischer Ausbildung und Verantwortung bekam ich plötzlich mehr Raum.

Das heißt nicht, dass alles gut war.

Ich bin seit rund sechsundzwanzig Jahren dabei. Da sieht man viel. Man sieht gute Führung und schlechte. Gute Ausbildung und schlechte. Menschen, die Verantwortung ernst nehmen, und Menschen, die Dienstgrade mit Persönlichkeit verwechseln. Man sieht Strukturen, die tragen, und Strukturen, die im Weg stehen. Man sieht auch sich selbst, und das ist nicht immer die angenehmste Truppenbesichtigung.

Aber ich habe Entwicklung gesehen.

Im Umgang miteinander. In der Ausbildung. In der Art, wie über Lernen, Führung und Menschen gesprochen wird. Vieles ist professioneller geworden. Nicht perfekt. Dieses Wort sollten wir ohnehin sparsam verwenden, sonst bekommt es wieder zu viel Macht. Aber besser. Und besser ist nicht wenig.

Gerade im Sanitätsdienst habe ich erlebt, wie wichtig Weiterbildung ist. Fachlichkeit hört nicht auf, nur weil man einmal eine Prüfung bestanden hat. Menschen verändern sich. Lagen verändern sich. Medizin verändert sich. Ausbildung verändert sich. Wer stehen bleibt, wird nicht neutral. Er wird schlechter. Das klingt hart, ist aber in einem Fachdienst eine einfache Wahrheit.

Vielleicht hat mich genau das gepackt.

Dieses Weiter. Dieses nicht fertig sein. Dieses Wissen: Man kann besser werden. Man muss sogar besser werden, wenn andere sich auf einen verlassen. In der Schule war mein Nicht-Fertig-Sein oft ein Makel. Bei der Bundeswehr konnte es Antrieb werden. Da war nicht alles vergeben, nur weil ein Zeugnis irgendwo mittelmäßig war. Da zählte auch, was man tat, wie man sich entwickelte, ob man Verantwortung annahm, ob man dranblieb.

Und natürlich blieb der Druck.

Ich wollte besser werden. Ich wollte es besser machen als das, was ich selbst manchmal erlebt hatte. Ich sah Mängel und dachte nicht: Gut, ist halt so. Ich dachte: Warum eigentlich? Muss das so sein? Kann man das anders machen? Kann man Menschen besser mitnehmen? Kann man Ausbildung so gestalten, dass sie wirklich trägt? Kann man Führung so leben, dass sie nicht nur Befehl und Gehorsam ist, sondern Richtung, Haltung und Verantwortung?

Da ist wieder der Vulkan.

Unter der Oberfläche war schon lange Druck. Alte Sätze. Alte Zweifel. Der Wunsch, nicht dumm zu sein. Der Drang, etwas zu beweisen. Die Unruhe, weiterzumüssen. Die Bundeswehr gab diesem Druck eine Form. Eine Uniform, ja. Aber auch Wege. Aufgaben. Verantwortung. Manchmal Grenzen. Manchmal Chancen. So viel Ordnung auf einmal, da konnte selbst mein Kopf kurz salutieren, bevor er wieder abbog.

Ein Vulkan ist nicht nur Ausbruch.

Er schafft auch neues Land.

Vielleicht hat die Bundeswehr genau das für mich getan. Sie hat nichts aus mir gemacht, was nicht da war. Aber sie hat etwas freigelegt. Sie hat mir gezeigt, dass Verantwortung den Blick hebt, statt nur die Schultern zu beschweren. Dass Wertschätzung aufrichtet, statt weich zu machen. Dass Lernen auch Tun, Üben, Anwenden, Wiederholen heißt, nicht nur stilles Sitzen über Seiten.

Und sie hat mir eine Frage mitgegeben, die mich bis heute beschäftigt:

Wie bildet man Menschen so aus, dass sie nicht nur bestehen, sondern können?

Vielleicht ist das keine kleine Frage.

Vielleicht ist es sogar eine der großen Strömungen in diesem Buch.

Verantwortung kann einen Menschen ordnen.

Aber sie macht den Kopf nicht automatisch leiser. Manchmal gibt sie ihm nur mehr Material, aus dem er neue Wege, Abzweigungen und Nebenbrücken bauen kann. Aus Ausbildung wird Führung, aus Führung wird Gestaltung, aus Gestaltung wird die nächste Idee. Und dann steht da plötzlich ein ganzes Archipel.

Teil III · Vulkan, Archipel, Hafen Das Archipel der vielen Äste Zum Lesen öffnen

Manchmal reicht ein Satz von jemand anderem, und in meinem Kopf steht schon ein Konzept.

Nicht als grobe Idee. Eher als halbfertiger Bauplan mit Nebenräumen, Erweiterungsmöglichkeit, Finanzierungsfrage, Öffentlichkeitsarbeit, Risiken, Chancen, Zeitachse und der leisen Ahnung, dass man daraus etwas ziemlich Großes machen könnte, wenn man es richtig anpackt. Jemand sagt: Man könnte vielleicht. Und mein Kopf sagt: Ja, genau, und dann machen wir erstens, zweitens, drittens, außerdem brauchen wir eine Struktur, eine gute Begründung, eine Überschrift, ein Zielbild, zwei Gespräche, einen Terminplan und eigentlich könnte man das Ganze auch gleich größer denken.

Das klingt praktisch.

Ist es auch.

Bis es das nicht mehr ist.

Denn in fast jeder Möglichkeit steckt für mich sofort ein Konzept. Und in jedem Konzept steckt ein Projekt. Und in jedem Projekt steckt ein Weg, der weiterführt, als der Satz eigentlich gemeint war. Andere werfen einen Stein ins Wasser. Ich sehe nicht nur die Kreise, ich sehe den Steg, das Boot, die Insel dahinter und frage mich, ob man dort nicht irgendwann einen kleinen Hafen bauen müsste, weil sonst alles wieder im Sand verläuft.

Das ist anstrengend.

Für andere vermutlich auch. Für mich auf jeden Fall.

Ich weiß nicht, ob mein Tempo wirklich so hoch ist, wie es mir manchmal gesagt wird. Vielleicht springe ich einfach zu viel. Vielleicht setze ich innerlich Verbindungen, die für mich klar sind, für andere aber wie Zauberei mit schlechter Beleuchtung wirken. Vielleicht bin ich schon drei Gedanken weiter, während jemand anders noch versucht, den ersten Satz richtig einzuordnen. Vielleicht rede ich dann auch schon über die Dachkonstruktion, obwohl wir eigentlich nur klären wollten, ob wir überhaupt ein Grundstück haben.

Mir wurde schon öfter gesagt, ich denke zu schnell und zu weit. Menschen fühlen sich dann überfahren. Nicht unbedingt böse überfahren, eher fachlich angefahren, mit Warnblinker und leichtem Schleudertrauma. Sie steigen aus, weil sie den Anschluss verlieren. Oder weil sie nicht mitgehen wollen. Oder weil ich sie nicht richtig mitgenommen habe. Das ist der unangenehme Teil daran: Nur weil ich etwas im Kopf sehe, heißt das nicht, dass andere es auch sehen können.

Ein Konzept im Kopf ist noch keine gemeinsame Wirklichkeit.

Diesen Satz müsste man mir manchmal auf einen Zettel schreiben und an die Stirn kleben. Wobei ich ihn dort vermutlich nicht lesen könnte, was wiederum typisch wäre.

Ich will Dinge verbessern.

Das ist der Motor. Nicht immer der gesündeste, aber ein kräftiger. Wenn ich irgendwo mitarbeite, sehe ich schnell, wie der Laden läuft. Stellen, an denen etwas klemmt. Abläufe, die Menschen unnötig Kraft kosten. Kommunikation, die zu spät kommt oder zu unklar ist. Chancen, die herumliegen wie Werkzeug, das keiner aufhebt. Dann beginnt es in mir zu arbeiten. Ich kann schlecht einfach nur danebenstehen und sagen: Wird schon. Wird schon ist ein Satz, der mich innerlich unruhig macht. Manchmal wird nämlich nichts, wenn niemand etwas macht.

Ein Beispiel ist die Vorstandsarbeit in einer Privatschule. Wir wollen vorankommen. Wir denken über Entwicklung nach, über Räume, über Zukunft, über einen Schulcampus. Allein dieses Wort kann in meinem Kopf eine ziemliche Strecke auslösen. Campus. Da steht nicht nur ein Gebäude. Da stehen Verbindungen, Begegnung, Pädagogik, Wege, Räume, Turnhalle, Ganztag, Vereine, Nachbarschaft, Finanzierung, Kommunikation, Haltung. Ein einziges Wort, und schon wächst ein Gelände.

Ich habe dazu viele Ideen formuliert. Wirklich formuliert. Aufgeschrieben, sortiert, ausgearbeitet, weitergedacht. Und dann steht man irgendwann da und merkt: Faktisch haben wir zunächst einmal erreicht, dass wir das Wort Campus benutzen. Das ist hart, wenn im eigenen Kopf schon längst Wege gepflastert, Räume geplant und Menschen durch Türen gegangen sind, die es in der Wirklichkeit noch nicht einmal gibt.

Natürlich ist das unfair verkürzt.

Es passiert ja etwas. Es gibt Menschen, die genauso wollen, die voranbringen, die Verantwortung tragen. Es wird eine Turnhalle gebaut, und das ist alles andere als klein. Man muss aufpassen, dass der eigene innere Vorlauf die tatsächliche Entwicklung nicht beleidigt. Nur weil etwas langsamer wächst, ist es nicht tot. Das muss ich mir sagen. Mehrmals. Manchmal mit Nachdruck.

Aber mein Kopf ist oft schon weiter.

Zu früh vielleicht.

Zu weit vielleicht.

Und dann wird es schwierig. Für die anderen, weil ich ihnen etwas zeige, das für mich schon eine Landschaft ist und für sie erst ein Wort. Für mich, weil ich nicht verstehe, warum diese Landschaft nicht sofort sichtbar wird. Ich erkläre, formuliere, strukturiere, verdichte, öffne Nebenwege, ziehe Bezüge, und irgendwann sehe ich in Gesichtern diesen Moment, in dem jemand innerlich die Jacke nimmt und geht.

Dann entsteht Chaos.

Nicht nur bei den anderen. Auch bei mir.

Das alles läuft nebeneinander: was möglich wäre, was fehlt, wer mit müsste, wo Widerstand kommen könnte, wie man es erklären müsste und warum es trotzdem sinnvoll wäre, jetzt nicht schon wieder zu bremsen. Es ist wie ein Archipel aus vielen Erhebungen. Von oben erkennt man vielleicht, dass es zusammengehört. Mittendrin sieht man nur Wasser, Felsen, nächste Landspitze, wieder Wasser. Und irgendwo ruft jemand: Können wir bitte erst einmal klären, wo wir sind?

Eine berechtigte Frage.

Ich bin nicht immer gut darin, sie rechtzeitig zu beantworten.

Dazu kommt Sprache. Meine Sprache kann manchmal groß werden. Sehr groß. Akademisch, obwohl ich gar nicht genau weiß, wo ich das herhabe. Ich kann Sätze bauen, die einen Gedanken tragen, dann noch einen Nebengedanken, dann eine Einschränkung, dann einen Seitenarm, und am Ende steht irgendwo eine Aussage, die wahrscheinlich gut ist, aber unterwegs ein paar Menschen verloren hat. In meinem Kopf hängt alles zusammen. Für andere klingt es vielleicht wie ein Lagevortrag über eine Insel, die sie noch gar nicht betreten haben.

Das ist kein böser Wille.

Aber Wirkung zählt trotzdem.

Wenn Menschen nicht mitkommen, reicht es nicht zu sagen: Dann müsst ihr eben schneller denken. Das wäre bequem. Und überheblich. Vielleicht sogar falsch. Ich muss lernen, Übergänge zu bauen. Nicht gleich das ganze Archipel erklären, sondern erst den nächsten Steg. Dann den nächsten. Vielleicht auch einmal schweigen, obwohl mir innerlich gerade siebzehn Gründe einfallen, warum wir unbedingt sofort weiterdenken sollten.

Schweigen ist schwer.

Mein Großvater würde jetzt vermutlich nur schauen.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ja, Opa. Ich weiß. Aber manchmal ist im Kopf eben gerade Ausverkauf im Silberbergwerk.

Die vielen Äste haben aber auch eine andere Seite. Sie sind nicht nur Belastung. Aus ihnen entsteht viel. Ohne dieses schnelle Weiterdenken gäbe es manche Konzepte nicht. Manche Texte auch nicht. Manche Gespräche wären nie entstanden, und manche Projekte würden noch immer irgendwo als höflicher Gedanke in einer Sitzung sitzen und darauf warten, dass sie jemand erlöst. Ich will das nicht nur als Problem erzählen, weil es nicht nur ein Problem ist. Es ist auch Kraft. Es ist Wachheit. Es ist die Fähigkeit, Möglichkeiten zu sehen, bevor sie Form haben.

Nur muss man aufpassen, dass aus Möglichkeit nicht Überforderung wird.

Für andere. Und für mich.

Denn ich bin oft unzufrieden. Mit mir. Mit meiner Leistung. Mit dem, was ich geschafft habe. Mit dem, was noch unfertig ist. Mit dem letzten Schritt, der fehlt. Diese Unzufriedenheit treibt mich an, und manchmal ist sie wie Wind im Rücken. Dann komme ich voran. Dann entstehen Dinge. Dann wird aus einer Idee ein Text, aus einem Gedanken ein Konzept, aus einem Konzept ein Gespräch, aus einem Gespräch vielleicht ein Beschluss oder ein Projekt.

Manchmal ist derselbe Wind aber Sturm.

Dann kippt etwas. Wenn es zu langsam wird, werde ich ungeduldig. Wenn zu lange diskutiert wird, verliere ich innerlich den Kontakt. Wenn ein Projekt zäh wird, wenn es nur noch um Abstimmungen, Zuständigkeiten, Termine, Rückmeldungen und den berühmten nächsten Schritt geht, dann zieht mein Kopf schon weiter. Neues Gelände. Neue Idee. Neuer Ast. Neues Blätterdach. Und irgendwo bleibt etwas liegen, das eigentlich fertig werden müsste.

Das ist einer der wunden Punkte.

Anfangen kann ich gut. Weiterdenken auch. Großdenken sowieso. Aber der letzte Meter, das Abschließen, das Dranbleiben, wenn der Reiz des Neuen weg ist und nur noch Umsetzung übrig bleibt, kostet mich viel Kraft. Vielleicht mehr Kraft, als man von außen sieht. Es ist ja nicht so, dass ich nicht will. Oft will ich sogar zu viel. Das Problem ist eher, dass mein innerer Antrieb nicht brav auf einer Spur bleibt, bis die Schranke unten ist und die Ampel grün wird.

Er biegt ab.

Das Archipel der vielen Äste ist deshalb schön und gefährlich zugleich.

Schön, weil überall etwas wächst. Gefährlich, weil man sich verlaufen kann, obwohl man auf Wasser eigentlich gar nicht laufen sollte. Es gibt Ideen, die tragen. Andere sehen nur tragfähig aus. Manche sind Sandbänke mit hübschem Namen. Manche sind Vulkane, die erst später zeigen, dass unter ihnen wirklich Kraft liegt. Und manche sind einfach Treibgut, das interessant aussieht, bis man es anhebt und merkt: riecht streng, kann weg.

Ich brauche also Sortierung.

Nicht als Käfig. Als Karte.

Ich muss lernen, früher zu unterscheiden: Was ist eine Idee, was ein Konzept, was schon ein Projekt, was eine Aufgabe für jetzt und was nur ein schöner Gedanke, der heute keine Turnhalle baut. Diese Unterscheidung fällt mir nicht immer leicht, weil sich im ersten Moment alles lebendig anfühlt. Alles ruft: Nimm mich mit. Mach mich groß. Schreib mich auf. Fang an.

Aber nicht jede Idee verdient sofort ein Boot.

Manche dürfen am Ufer liegen bleiben.

Vielleicht ist das eine der schwierigsten Lektionen für mich: Nicht jede Möglichkeit ist ein Auftrag. Nicht jeder Gedanke muss ein Konzept werden. Und nicht jedes Projekt scheitert, nur weil es langsamer wächst, als mein Kopf es gern hätte.

Ich schreibe das hin, weil ich es selbst lesen muss.

Wahrscheinlich mehrmals.

Das Archipel bleibt. Die Äste bleiben auch. Mein Kopf wird nicht plötzlich zu einer geraden Allee mit sauber geschnittenen Hecken. Das wäre ohnehin verdächtig. Aber vielleicht kann ich lernen, genauer zu schauen, welcher Ast wirklich hält, welcher nur im Weg hängt und auf welchen ich nicht sofort klettern muss, nur weil er da ist.

Vielleicht ist das schon viel.

Und vielleicht erklärt es den Titel dieses Manuskripts besser als jeder Untertitel.

Getrieben von mir selbst heißt nicht nur, dass ich viel will.

Es heißt auch, dass ich lernen muss, meinen eigenen Antrieb zu führen, bevor er mich über die nächste Klippe denkt.

Ein Archipel ist schön, solange man noch weiß, auf welcher Insel man steht.

Wenn die Ideen zu viele werden, braucht es keinen Leuchtturm mit Einweihungsrede, sondern erst einmal einen Tisch. Einen Ort, an dem alles liegen darf: Muscheln, Seile, Zettel, Fische, halbe Sätze und die Frage, ob das hier noch Denken ist oder schon Inventur.

Teil III · Vulkan, Archipel, Hafen Der Sortiertisch am Hafen Zum Lesen öffnen

Dieses Kapitel erklärt sich eigentlich selbst.

Was schon verdächtig ist, weil ich selten etwas nur einmal erkläre, wenn ich auch fünf gedankliche Zufahrtsstraßen bauen kann.

Man müsste nur diesen Chat ausdrucken, auf einen großen Holztisch kippen und daneben einen Kaffee stellen. Vielleicht noch ein Messer, ein nasses Seil, drei Muscheln, einen alten Kassenbon und irgendeine Kiste ohne Beschriftung. Dann sähe man ziemlich genau, was hier passiert.

Ich bringe Gedanken.

Nicht sauber. Nicht fertig. Nicht in einer Reihenfolge, bei der ein Lektor leise lächelt und sagt: Ja, der Mann hat seine Struktur gefunden. Eher so, wie Dinge eben aus meinem Kopf kommen, wenn ich versuche, sie festzuhalten, bevor sie wieder weiterziehen. Ein Satz über Musik. Dann ein Sprung zu meinem Großvater. Dann plötzlich mein Vater. Dann die Kinder. Dann Schule. Dann Bundeswehr. Dann der Tiger hinter dem Riff, der dort streng genommen nichts verloren hat und genau deshalb bleiben darf.

So arbeite ich.

Oder besser: So denke ich.

Lange habe ich geglaubt, dass genau das das Problem ist. Dass ich erst Ordnung schaffen müsste, bevor ich etwas sagen darf. Erst richtig sortieren, dann schreiben. Erst wissen, dann anfangen. Erst eine klare Struktur, dann der erste Satz. Das klingt vernünftig. Es ist nur für mich oft der sichere Weg, gar nicht erst anzufangen.

Weil die Ordnung nicht vorher kommt.

Sie entsteht beim Auskippen.

Der Hafen ist dafür ein gutes Bild. Dort kommt nichts sauber an. Da liegt nicht alles mit Etikett und Inventarnummer auf einem frisch gewischten Tisch. Da kommen Kisten, Netze, Fische, nasse Seile, Muscheln, Treibgut, Sachen, die wertvoll aussehen, Sachen, die wertlos aussehen, und manchmal stellt man später fest, dass es genau andersherum war. Ein Hafen riecht nicht nach Konzeptpapier. Ein Hafen riecht nach Arbeit.

Und genau so fühlt sich dieses Schreiben an.

Ich spreche oder schreibe etwas hin. Manchmal roh. Manchmal wirr. Manchmal mit drei Gedanken gleichzeitig, von denen jeder glaubt, er sei der wichtigste. Dann liegt es da. Sichtbar. Vorher war es in meinem Kopf und konnte sich verstecken, springen, größer werden, kleiner werden, sich tarnen oder plötzlich behaupten, es sei nie dagewesen. Auf dem Tisch geht das nicht mehr so leicht.

Was da liegt, kann man anschauen.

Man kann sagen: Das ist ein Bild. Das trägt. Das bleibt.

Oder: Das ist nur Lärm. Weg damit.

Oder: Das gehört nicht hierher, aber später vielleicht.

Oder: Vorsicht, da ist ein Muster. Das klingt nach KI. Das klingt zu glatt. Das bist du nicht.

Genau das ist wichtig. Künstliche Intelligenz darf in diesem Manuskript nicht der Autor werden, der sich als ich verkleidet. Das wäre falsch. Und ehrlich gesagt auch ziemlich unangenehm. Ich möchte nicht, dass am Ende ein Text entsteht, der aussieht, als hätte jemand meinen Kopf durch einen Bürostuhl ersetzt. Ergonomisch vielleicht. Aber tot.

Die Gedanken sind meine.

Die Erinnerungen sind meine.

Die Bilder sind meine, selbst die seltsamen. Gerade die seltsamen.

Künstliche Intelligenz ist kein Heilsversprechen und kein Lobgesang auf Technik. Sie hilft, Gedanken auszukippen und sortierbar zu machen. Kein Ersatz für Denken. Ein Werkzeug, damit Denken wieder greifbar wird. Dieser Ort trägt auch die ehrliche Frage, wie dieses Manuskript entsteht: mit Hilfe, aber nicht ohne eigene Stimme.

Die KI hilft mir beim Sortieren. Beim Verdichten. Beim Finden einer Form, die lesbar ist, ohne dass alles glattgebügelt wird. Sie stellt Dinge nebeneinander, die ich vielleicht selbst gespürt, aber noch nicht gesehen habe. Sie sagt: Schau, das gehört zusammen. Die Musik und die Medikamente. Der Großvater und die linke und rechte Grenze. Die Wohnungstür und die Strömung. Der Campus und das Archipel der vielen Äste.

Dann erkenne ich mich manchmal selbst.

Das ist der eigentliche Punkt.

Ich lasse mir nicht helfen, weil ich nichts zu sagen hätte. Ich lasse mir helfen, weil ich zu viel gleichzeitig sagen will und mein Kopf dabei manchmal schneller ist als meine Hände. Schreiben bedeutet dann nicht, dass jemand anderes für mich denkt. Schreiben bedeutet, dass ich mein Denken auf den Tisch lege und dabei nicht sofort die Flucht ergreife, wenn es unordentlich aussieht.

Das ist für mich nicht selbstverständlich.

Ich sage mir oft: Wenn man will, dass es gut wird, muss man es selbst machen. Ein gefährlicher Satz. Er klingt nach Anspruch und endet gern mit zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf und dem leisen Verdacht, dass man sich selbst gerade wieder als Ein Mann Abteilung missbraucht hat. Natürlich stimmt er manchmal. Es gibt Dinge, die muss man selbst verantworten, selbst prüfen, selbst schärfen. Aber nicht alles muss durch dieselbe Hand gehen, nur damit der Kopf kurz beruhigt ist.

Vielleicht ist Delegieren deshalb für mich nicht einfach Abgeben.

Es ist Vertrauen unter Beobachtung. Klingt fürchterlich, ist aber ehrlich. Ich muss lernen, Hilfe anzunehmen, ohne sofort zu glauben, dass ich damit die Verantwortung verliere. Manchmal braucht es keinen Butler, um das heiße Messer durch die Butter zu ziehen. Manchmal reicht jemand, der sagt: Das Messer ist scharf. Die Butter ist weich. Jetzt hör auf, erst noch eine Einsatzbesprechung daraus zu machen.

Das ist nicht immer angenehm.

Manchmal lese ich einen Absatz und merke: Ja. Genau so ist es. Dann wird es warm. Oder schwer. Oder beides. Manchmal stolpere ich über eine Formulierung und denke: Nein, das bin ich nicht. Das ist zu sauber. Zu schematisch. Zu sehr „nicht A, nicht B, sondern C“. Dann muss es weg oder anders werden. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil ein falscher Rhythmus dieselbe Wirkung haben kann wie ein falscher Name. Er klebt an einem Text und behauptet etwas über ihn, das nicht stimmt.

Der Sortiertisch ist also kein Fließband.

Er ist ein Arbeitsort.

Dort wird geprüft, verworfen, umgelegt, festgehalten. Manchmal wird etwas poliert. Manchmal bleibt etwas rau, weil es rau sein muss. Manche Sätze dürfen kurz sein. Andere brauchen Luft, Nebensätze, Umwege, einen kleinen Seitenblick auf Haie mit Steuererklärungsproblemen. So ist mein Kopf. Und wenn dieses Buch meinen Kopf zeigen soll, darf es ihn nicht zu ordentlich machen.

Gleichzeitig braucht es Ordnung.

Sonst liegt am Ende alles nur herum. Ein Fisch neben einem Messer, daneben eine Erinnerung an Mali, dann eine Ketchupflasche, ein Teddybär, ein Dienstausweis und irgendwo ein Eichhörnchen, das sich weigert, das Manuskript zu verlassen. Das kann charmant sein. Kurz. Danach wird es anstrengend.

Also braucht es eine Karte.

Die Meereskarte.

Bucht, Riff, Sandbank, Strömung, Fels, Küste, Spiegel, Tiger, Vulkan, Archipel, Hafen. Diese Bilder sind keine Dekoration. Sie sind die Ordnung, die meinem Denken erlaubt, sich zu bewegen, ohne komplett zu verschwinden. Ich kann springen, aber der Leser soll nicht ertrinken. Das ist ungefähr der Anspruch. Ein kleiner nur. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Vielleicht ist dieses Kapitel deshalb auch eine Art Geständnis.

Ja, ich benutze ein Werkzeug.

Ja, ich lasse mir helfen.

Ja, ich wäre ohne diese Hilfe vermutlich langsamer, unsortierter, vielleicht auch mutloser.

Aber das macht den Versuch nicht kleiner. Es macht ihn möglich.

Ich habe großen Respekt vor Menschen, die schreiben können. Vor Autorinnen und Autoren, die aus Sprache Welten bauen, ohne dass man sieht, wie viel Arbeit in jedem Satz steckt. Walter Moers fällt mir ein. Frank Herbert auch. Menschen, die einen Satz so setzen, dass dahinter plötzlich eine Stadt, ein Planet, ein ganzes Denken aufgeht. Das ist Kunst. Ich kann das nicht so. Ich bin kein Journalist und kein ausgebildeter Schriftsteller. Ich habe eine Lese und Rechtschreibschwäche, stolpere über Wörter, verliere Fäden, finde Bilder, vergesse Namen, denke zu schnell und komme manchmal zu spät zum Punkt.

Aber ich habe etwas zu sagen.

Vielleicht nicht, weil ich alles weiß. Eher, weil ich vieles nicht weiß und trotzdem nicht aufhören kann, danach zu fragen. Vielleicht gibt es Menschen, deren Kopf ähnlich laut ist. Menschen, die sich fragen, ob sie wirklich etwas können oder nur so tun. Menschen, die in Systemen falsch gelesen wurden. Menschen, die sich Hilfen bauen mussten, ohne dafür je eine Anleitung bekommen zu haben. Wenn dieses Manuskript für jemanden eine Rückenlehne zum Anlehnen wird, reicht mir das.

Für solche Menschen schreibe ich.

Und für mich.

Der Sortiertisch am Hafen ist also nicht nur ein Kapitel über KI. Das wäre zu klein. Es ist ein Kapitel über Hilfe. Über die Erlaubnis, Werkzeuge zu benutzen. Über den Unterschied zwischen Täuschung und Unterstützung. Über die Frage, ob ein Gedanke weniger wahr wird, nur weil jemand beim Ordnen hilft.

Ich glaube nicht.

Ein scharfes Messer nimmt dem Metzger nicht die Arbeit ab. Es macht die Arbeit möglich. Mit einem stumpfen Messer wird man nur lauter, nicht besser.

Vielleicht ist dieses Werkzeug für mich so etwas.

Kein Ersatz für die Hand.

Aber etwas, das hilft, sauberer zu schneiden.

Was auf dem Sortiertisch liegt, bleibt nicht immer dort.

Manche Gedanken wollen zurück ins Wasser. Andere werden zu Sätzen, Gesprächen, Konzepten oder Aufgaben, die plötzlich sehr lebendig aussehen und leider auch Arbeit machen. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob das alles nur Sortieren ist oder ob daraus draußen etwas werden soll.

Teil III · Vulkan, Archipel, Hafen Die Strömung zur Wirkung Zum Lesen öffnen

Ich engagiere mich nicht, weil mir langweilig ist.

Langeweile wäre manchmal sogar eine reizvolle Alternative. Man könnte sich hinsetzen, Kaffee trinken, aus dem Fenster schauen und nichts verbessern wollen. Einfach nur sitzen. Vielleicht würde der Kopf nach drei Minuten fragen, ob man das Sitzen nicht effizienter organisieren könnte, aber immerhin hätte man es versucht.

Bei mir funktioniert das selten.

Wenn ich Teil eines Systems bin, sehe ich das System. Nicht vollständig. Niemand sieht ein System vollständig, schon gar nicht, wenn er selbst mittendrinsteht. Aber ich sehe das, was ich schon im Archipel beschrieben habe: Stellen, an denen etwas klemmt, Werkzeug, das keiner aufhebt, Kommunikation, die zu spät kommt.

Dann beginnt in mir diese Bewegung, die ich mittlerweile kenne.

Da müsste man doch.

Ein gefährlicher Satz.

Aus ihm werden Abende, Protokolle, Gespräche, Konzepte, Sitzungen, Nachrichten, Entwürfe, Telefonate, neue Aufgaben und manchmal auch ein leicht erschöpfter Blick meiner Frau, der ungefähr sagt: Du wolltest doch diesmal nur zuhören. Ja. Wollte ich. Wirklich. Dann hat aber jemand „müsste man“ gesagt, und mein innerer Hafenarbeiter hat schon die Kisten geöffnet.

Vielleicht ist das der Kern von dem, was ich draußen überhaupt bewirken will.

Ich kann schlecht wegsehen, wenn ich glaube, dass etwas besser gehen könnte. In der Schule, im Elternbeirat, bei Montessori, in Vereinen, in der Band, in der Politik, früher auch in der Feuerwehr und natürlich in der Bundeswehr. Überall gibt es Systeme. Manche sind sauber gebaut. Manche sind gewachsen wie alte Schuppen, an denen immer wieder jemand ein Brett angeschraubt hat. Sie halten irgendwie, aber wenn der Wind dreht, merkt man, wo es zieht.

Feuerwehr ist derzeit Geschichte.

Zumindest aktiv. So sagt man das dann, wenn man innerlich weiß, dass Geschichte bei Feuerwehr, Ehrenamt und Menschen, die einen kennen, nie ganz Geschichte ist. Ich wurde wieder angesprochen, ob ich mich einbringen könnte, weil bestimmte Fähigkeiten passen würden. Organisation. Management. Struktur. Dinge, die ich offenbar kann, auch wenn ich selbst manchmal noch erstaunt bin, dass andere das so klar sehen. Vielleicht liegt auch darin ein Muster: Ich zweifle an mir, während andere schon überlegen, wo sie mich einsetzen könnten.

Aber das größere Prinzip ist für mich klar.

Nur wenn ich im Laden drin bin, kann ich auch etwas an den Regalen umstellen.

Von außen kann man viel kommentieren. Das ist leicht. Ein bisschen Meinung, ein bisschen Abstand, ein bisschen „die müssten halt“. Das Internet ist voll davon. Ganze Kommentarspalten leben davon, dass Menschen sehr genau wissen, wie andere es machen müssten, ohne selbst einen Stuhl in den Raum zu stellen. Verändern geht anders. Man muss hineingehen. Mitreden. Aushalten. Mehrheiten suchen. Kompromisse prüfen. Frust schlucken. Wieder erklären. Noch einmal erklären. Und dabei freundlich bleiben, obwohl innerlich schon jemand Möbel rückt.

Politik ist dafür ein gutes Beispiel.

Mir sind Werte wichtig. Christlich soziale Werte. Die freiheitlich demokratische Grundordnung. Das klingt groß, vielleicht auch ein wenig nach Festrede mit Fahne im Hintergrund, aber für mich ist es kein Deko Satz. Es geht um die Frage, wie wir miteinander leben wollen. Wie wir streiten. Wie wir Verantwortung tragen. Wie wir Freiheit schützen, ohne den Zusammenhalt zu verlieren. Wie wir stehen bleiben, wenn es unangenehm wird und der Fluchtweg gerade sehr attraktiv aussieht.

Ich sehe diese Ordnung unter Druck.

Nicht abstrakt. Im Alltag. In Gesprächen. In der Art, wie Menschen übereinander reden. In der Geschwindigkeit, mit der einfache Feindbilder plötzlich wie Lösungen wirken. Mich beschäftigt, dass zu wenige klar sagen, wo Grenzen sind. Gewalt ist keine Meinung. Menschenverachtung ist keine Alternative. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, die man irgendwo im Regal stehen lässt und bei Bedarf abstaubt.

Da höre ich meinen Großvater mit.

Nicht als politischen Theoretiker. Das war er nicht. Aber als moralische Instanz in meinem Leben. Sein Grundsatz war einfach und hart genug: erst überlegen, eine Meinung haben, dahinterstehen, keine Gewalt, alles bereden und keine Angst vor irgendwem. STS hat diesen Geist einmal in wenigen Zeilen besungen, und jedes Mal denke ich: Das hätte von meinem Opa sein können. Keine Haltung fürs Plakat. Eher etwas, das man lebt, auch wenn gerade keiner klatscht und der Raum trotzdem bezahlt werden muss.

Vielleicht kommt daher mein Bedürfnis, nicht nur zuzuschauen.

Mein Motor sind meine Kinder.

Das ist der einfachste und schwerste Satz zugleich. Ich will nicht nur, dass sie gut durchkommen. Ich will, dass sie in einer Gesellschaft leben, die Kinder nicht zu früh falsch benennt. In Schulen, die Besonderheiten nicht sofort als Störung behandeln. In einer Politik, die Werte als Arbeitshaltung versteht, nicht als Slogan.

Das ist viel.

Vielleicht zu viel.

Willkommen in meinem Kopf.

Ich will Gesellschaft verbessern. Mit gutem Beispiel, soweit das möglich ist. Nicht als moralische Überhöhung. Ich bin kein besserer Mensch, nur weil ich mich engagiere. Manchmal bin ich dabei ungeduldig, zu direkt, zu hart in der Bewertung, zu früh in der Idee, zu weit in der Ausarbeitung. Vielleicht auch zu überzeugt davon, dass man jetzt endlich etwas machen müsste. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Ein Beispiel dafür war die Vorbereitung zur Kommunalwahl.

Ich brachte meine Meinung ein. Schriftlich. Mündlich. Inhalte für ein Wahlprogramm, Ideen, Themen, Bewertungen. Ich wollte nicht nur bekannte Sätze neu sortieren. Ich wollte Entwicklung. Ländlicher Raum. Umwelt. Zukunft. Innovative Programme. Warum nicht über autonomen Personennahverkehr nachdenken? Warum nicht fragen, wie Mobilität in einer Region aussehen kann, in der nicht jeder Weg einfach mit einem Auto gelöst werden sollte? Warum nicht größer denken, bevor andere längst die Räume besetzt haben?

Ich war zu innovativ.

Vielleicht.

Ich war auch zu hart in der Bewertung dessen, was bisher geleistet wurde. Das sage ich nicht leichtfertig. Ich wollte die Leistung anderer nicht schmälern. Viele haben gearbeitet, Verantwortung getragen, Zeit investiert. Das verdient Respekt. Aber Respekt bedeutet für mich nicht, dass man sich auf Lorbeeren ausruht, bis daraus irgendwann ein sehr unbequemer Liegestuhl wird.

Stillstand ist Rückschritt.

Dieser Satz ist fast abgenutzt, aber auf dem Land stimmt er besonders. Wenn junge Menschen gehen, wenn Infrastruktur schwächer wird, wenn Mobilität nicht neu gedacht wird, wenn Umwelt nur Thema ist, solange sie nichts kostet, wenn Digitalisierung als Kabelproblem verstanden wird und nicht als kulturelle Veränderung, dann ist Stillstand nicht neutral. Dann bewegt sich die Welt weiter, nur ohne uns.

Meine Ideen wurden belächelt.

Zumindest fühlte es sich so an. Manches wurde klein gemacht, manches niedergemacht, manches vermutlich einfach nicht verstanden oder als zu weit weg einsortiert. Und vielleicht war es genau das: zu weit. Zu früh. Zu groß. Zu hart vorgetragen. Ich kann nicht ausschließen, dass ich Menschen überfahren habe, während ich innerlich schon die Zukunftsskizze ausrollte.

Ein Konzept im Kopf ist noch keine gemeinsame Wirklichkeit.

Diesen Satz kenne ich inzwischen. Er tut nur nicht immer rechtzeitig Dienst.

Trotzdem bleibt die Frage.

Was passiert, wenn niemand zu früh denkt?

Natürlich braucht es Menschen, die bremsen. Die rechnen. Die fragen: Wer soll das bezahlen? Wer macht das? Was ist rechtlich möglich? Was ist gewollt? Was ist vermittelbar? Diese Menschen sind wichtig. Sehr sogar. Ohne sie würden manche meiner Ideen wahrscheinlich fröhlich vom Kai springen und erst im Wasser merken, dass sie kein Boot sind.

Aber es braucht auch Menschen, die weiter schauen.

Nicht, weil sie klüger sind. Dieses Wort macht ohnehin mehr Ärger als Nutzen. Weiter schauen heißt manchmal nur, einen Gedanken auszuhalten, der noch keinen festen Boden hat. Ein Bild ernst zu nehmen, obwohl es noch keine Beschlussvorlage ist. Sich zu fragen, was in zehn Jahren fehlt, wenn man heute nur das tut, was gestern schon niemanden gestört hat.

Vielleicht ist das meine Rolle.

Nicht immer angenehm. Nicht immer passend dosiert. Manchmal zu viel. Aber vielleicht nötig. Ich sehe Lücken. Ich sehe Möglichkeiten. Ich sehe Kinder, die eine andere Schule brauchen. Ehrenamtliche, die klare Strukturen brauchen. Kameradinnen und Kameraden, die gute Ausbildung brauchen. Bürgerinnen und Bürger, die nicht nur verwaltet werden wollen. Gemeinden, die Zukunft nicht dadurch gewinnen, dass sie jedes neue Thema erst einmal belächeln.

Das klingt nach viel Sendungsbewusstsein.

Davor muss ich aufpassen.

Denn Wirkung ist nicht dasselbe wie Recht haben. Es wird nicht besser, nur weil man lauter, schneller oder klüger formuliert. Es wird erst besser, wenn andere mitgehen können. Wenn aus einer Idee ein gemeinsamer Weg wird. Wenn man nicht nur sieht, was möglich wäre, sondern auch Brücken baut, damit andere es sehen können. Vielleicht ist das für mich die schwierigste Übung: nicht nur vordenken, sondern mitnehmen.

Die Strömung zur Wirkung zieht durch fast alles in diesem Manuskript.

Sie beginnt bei dem Kind, das falsch gelesen wurde. Sie läuft durch Klassenzimmer, Prüfungen, Kasernen, Kinderzimmer, Vereinsräume, Sitzungen, Podcastmikrofone und schließlich auf diese Seiten. Immer wieder dieselbe Bewegung: Ich sehe etwas, das nicht stimmt oder nicht reicht, und will es besser machen. Manchmal aus Schmerz. Manchmal aus Verantwortung. Manchmal aus Liebe. Meistens aus einer Mischung, die sich nicht sauber trennen lässt.

Meine Kinder sind dabei der stärkste Motor.

Nicht als Begründung für alles. Das wäre unfair ihnen gegenüber. Aber ihre Zukunft macht die Frage dringlicher. Was hinterlassen wir ihnen? Schulen, in denen Kinder gesehen werden, statt sortiert. Orte, an denen Menschen mitmachen können, ohne zerrieben zu werden. Eine Demokratie, die mehr ist als ein Wort in Sonntagsreden.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem mein Getriebensein nicht nur Lärm macht, sondern einmal nützlich wird.

Nicht immer. Manches ist einfach Unruhe. Manches ist alter Zweifel. Manches ist der Versuch, endlich zu beweisen, dass die falschen Namen nicht recht hatten. Aber manchmal wird aus diesem inneren Druck etwas Brauchbares. Ein Text. Ein Konzept. Ein Gespräch. Eine Initiative. Eine bessere Frage. Ein Raum, in dem jemand anders nicht so schnell falsch gelesen wird.

Dann ist die Strömung nicht nur etwas, das mich wegzieht.

Dann schiebt sie nicht nur. Dann bringt sie mich tatsächlich voran.

Vielleicht nicht jeden Tag. Vielleicht nicht ohne Umwege. Vielleicht auch nicht so schnell, wie mein Kopf es gern hätte. Aber sie trägt in eine Richtung, die größer ist als ich selbst.

Und genau deshalb mache ich weiter.

Dort, wo ich Teil eines Systems bin, will ich nicht nur zuschauen. Ich will mitarbeiten. Mitdenken. Mitstreiten. Mittragen.

Und manchmal muss ich dabei lernen, dass Wirkung nicht der Moment ist, in dem alle sagen: Genau, Christian, so machen wir das.

Vielleicht ist Wirkung kleiner, als mein Kopf sie gern hätte.

Ein Wort, das bleibt. Ein Kind, das nicht mit einem falschen Namen nach Hause geht. Ein Satz, der noch nicht gewinnt, aber schon arbeitet.

Vielleicht reicht das für den Anfang.

Vielleicht ist das sogar mehr, als ich manchmal merke.

Teil IV

Das Leuchtfeuer.

Der Schluss behauptet keine fertige Antwort. Er setzt einen Orientierungspunkt: ehrlich genug, um weiterzugehen, auch wenn nicht alles geklärt ist.

Teil IV · Das Leuchtfeuer Das Leuchtfeuer „Ich weiß es nicht“ Zum Lesen öffnen

In meinem Büro in München hängt ein Zettel an der Pinnwand.

Nur einer.

Das ist schon bemerkenswert, weil Pinnwände eigentlich dazu da sind, unter Papier zu verschwinden. Termine, Hinweise, Telefonnummern, alte Ausdrucke, die niemand mehr braucht, aber auch niemand wegwirft, weil vielleicht doch irgendwann jemand fragt. Eine Pinnwand ist im Grunde die geordnete Form von schlechtem Gewissen.

Bei mir hängt dort ein Satz.

Fettgedruckt.

„Abstellgleis der guten Ideen. Palliativstation für Leuchtturmprojekte.“

Ich mag diesen Satz.

Er ist böse genug, um ehrlich zu sein, und trocken genug, um nicht beleidigt zu wirken. Er sagt viel über Organisationen, Konzepte, Sitzungen, große Begriffe und den langen Weg von einer Idee bis zu ihrer Umsetzung. Manchmal wird aus einer guten Idee kein Projekt. Manchmal wird sie ein Tagesordnungspunkt. Dann ein Prüfauftrag. Dann eine Arbeitsgruppe. Dann ein Konzeptpapier. Dann eine Wiedervorlage. Dann liegt sie irgendwo, bekommt noch ein Logo, vielleicht sogar den Namen Leuchtturmprojekt, und irgendwann merkt man, dass der Leuchtturm gar nicht mehr leuchtet. Er steht nur noch herum und wird gelegentlich in Präsentationen erwähnt.

Dann ist er auf der Palliativstation.

Nicht tot. Aber auch nicht wirklich lebendig.

Vielleicht hängt dieser Satz deshalb in meinem Büro, weil er mich gleichzeitig warnt und beruhigt. Er warnt mich davor, zu glauben, jede gute Idee werde schon allein deshalb Wirklichkeit, weil sie gut ist. Gute Ideen brauchen Menschen, Zeit, Struktur, Geduld, Geld, Zuständigkeit, manchmal Mut und meistens jemanden, der auch dann noch an ihnen zieht, wenn der erste Glanz weg ist.

Und er beruhigt mich, weil er zeigt: Ich bin nicht verrückt, wenn ich sehe, dass Ideen versanden.

Es passiert wirklich.

Überall.

In Behörden, Vereinen, Schulen, politischen Gremien, Feuerwehren, Dienststellen, Familien vermutlich auch. Jemand hat eine Idee. Alle nicken. Einer sagt: Das sollten wir unbedingt weiterverfolgen. Ein anderer sagt: Das nehmen wir mit. Schon diese Formulierung ist gefährlich. Mitnehmen wohin? In die Freiheit? In den Schredder? In eine Mappe mit der Aufschrift „später“? Niemand weiß es. Aber es klingt erst einmal verbindlich genug, damit der Moment vorbeigeht.

Ich kenne solche Momente.

Und ich kenne mich in ihnen.

Mein Kopf springt dann sofort an. Wenn eine Idee gut ist, will ich sie nicht nur loben. Ich will wissen, wie sie laufen kann. Wer macht was? Bis wann? Mit welchem Ziel? Wo sind die Hürden? Wen müssen wir mitnehmen? Wie erklären wir es? Was ist der erste Schritt, der nicht nur schön klingt, sondern wirklich Bewegung erzeugt?

Das ist anstrengend.

Für andere. Für mich. Für die Idee wahrscheinlich auch, wenn Ideen Ohren hätten.

Vielleicht ist mein Problem, dass ich gute Ideen nicht gern sterben sehe. Selbst dann nicht, wenn sie vielleicht einfach nur ein würdiges Ende bräuchten. Nicht jede Idee muss leben. Manche sind Einfälle, keine Aufträge. Manche leuchten kurz, weil gerade die Sonne günstig steht. Manche wirken groß, solange niemand fragt, wer Montagmorgen den Schlüssel hat.

Aber es gibt Ideen, die tragen könnten.

Und wenn genau solche Ideen auf dem Abstellgleis landen, wird es in mir unruhig.

Da ist wieder dieses Getriebensein.

Kein dramatischer Sturm. Eher eine hartnäckige innere Bewegung. Ich kann schlecht neben einer Idee stehen, die ich für sinnvoll halte, und so tun, als ginge sie mich nichts an. Vor allem dann nicht, wenn sie mit Menschen zu tun hat. Mit Kindern. Mit Ausbildung. Mit Führung. Mit Ehrenamt. Mit Demokratie. Mit Orten, die Zukunft brauchen und nicht nur schöne Rückblicke.

Gleichzeitig weiß ich, dass ich mich genau daran auch erschöpfen kann.

Nicht jede Idee will gerettet werden. Nicht jedes System ist bereit. Nicht jede Sitzung ist ein Hafen, manche sind eher Nebel mit Sitzungsunterlagen. Menschen brauchen Zeit, und mein Kopf steht manchmal schon am Kai, während andere noch prüfen, ob sie überhaupt ans Wasser wollen.

Deshalb braucht dieses Buch ein Leuchtfeuer.

Kein Leuchtturmprojekt.

Das Wort ist verbrannt genug.

Ich meine ein echtes Leuchtfeuer. Kein Denkmal für eine gute Absicht, kein Symbol auf einer Präsentationsfolie, sondern ein Licht, das Orientierung gibt, ohne zu behaupten, es kenne den ganzen Ozean. Ein Leuchtfeuer sagt nicht: Hier ist die Lösung. Es sagt: Hier ist ein Punkt. Daran kannst du dich orientieren, wenn es dunkel wird oder wenn du wieder einmal nicht weißt, ob du gerade treibst oder steuerst.

Mein Leuchtfeuer ist dieser Satz:

Ich weiß es nicht.

Das klingt für ein Schlussbild erst einmal dürftig. Andere Bücher enden mit Erkenntnissen, Programmen, Versprechen, zehn Regeln, sieben Wegen, fünf Schritten und einem Satz, den man sich auf eine Tasse drucken könnte. Ich komme mit: Ich weiß es nicht. Sehr verkaufsstark ist das vermutlich nicht. Marketingabteilungen würden nervös an ihrem Mineralwasser nippen.

Aber es ist ehrlich.

Und vielleicht ist Ehrlichkeit für dieses Manuskript wichtiger als Abschlussrhetorik.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich schlau bin oder nur gelernt habe, gut durchzukommen. Ich weiß nicht, warum manche alten Namen bis heute mehr Gewicht haben als neue Erfolge. Ich weiß nicht, ob mein Kopf zu schnell ist oder nur zu sprunghaft für andere. Ich weiß nicht, welche Idee ein Projekt werden soll und welche besser am Ufer bleibt. Ich weiß nicht, ob ich immer ein guter Vater bin, auch wenn ich es mit allem versuche, was ich habe. Ich weiß nicht, wie viel von meinem Vater in mir ist, weil ich zu wenig von ihm kenne. Ich weiß nicht, warum Musik innen still macht. Ich weiß nicht, ob dieses Manuskript jemals ein Buch wird.

Aber ich weiß, dass diese Fragen nicht weggehen, nur weil man sie nicht aufschreibt.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich schreibe. Fragen sind keine Aktenvorgänge. Man kann sie nicht einfach mit einer Verfügung versehen und dann abheften. Manche bleiben. Sie verändern nur ihre Form. Früher hießen sie: Bin ich dumm? Später: Habe ich das verdient? Heute: Was mache ich aus dem, was ich erkannt habe?

Das ist eine andere Frage.

Eine bessere vielleicht.

Das Leuchtfeuer „Ich weiß es nicht“ ist deshalb keine Kapitulation. Es ist der Punkt, an dem ich aufhöre, so zu tun, als müsste ich erst alles sicher wissen, bevor ich leben, schreiben, führen, Vater sein, gestalten oder mich einmischen darf. Wenn ich darauf warten würde, wäre ich sehr still. Und vermutlich unglücklich. Außerdem würde dann jemand anderes die Sitzung übernehmen, und wer weiß, was dann aus den guten Ideen wird.

Also mache ich weiter.

Mit Zweifel. Mit Humor, soweit er trägt. Mit zu vielen Gedanken. Mit einem inneren Hafen, auf dessen Sortiertisch manchmal Dinge liegen, die dort nie hätten ankommen dürfen. Mit einem Tiger hinter dem Riff. Mit einem Großvater im Rücken. Mit einem Vater im Nebel. Mit Kindern, die ich schützen will, ohne sie zu meiner Geschichte zu machen. Mit der Bundeswehr als Vulkan. Mit einem Archipel voller Äste, von denen nicht jeder trägt.

Und mit diesem Zettel an der Pinnwand.

Abstellgleis der guten Ideen.

Palliativstation für Leuchtturmprojekte.

Vielleicht hängt er dort, damit ich nicht vergesse, dass gute Ideen Pflege brauchen. Manche brauchen Wiederbelebung. Manche brauchen eine ehrliche Beerdigung. Und manche brauchen nur einen Menschen, der sie vom Abstellgleis holt, bevor sie anfangen, sich dort häuslich einzurichten.

Ich werde nicht alle holen können.

Auch das ahne ich. Wissen wäre wieder zu viel behauptet.

Aber vielleicht kann ich ein paar aus dem Nebel ziehen. Ein paar retten. Ein paar endlich loslassen. Ein paar so aufschreiben, dass jemand anders sie erkennt und sagt: Ja, genau. So geht es mir auch. Oder: So habe ich das noch nie gesehen. Oder nur: Ich bin nicht allein damit.

Das wäre viel.

Vielleicht sogar genug.

Das Leuchtfeuer muss nicht den ganzen Ozean erklären.

Es muss nur brennen. Möglichst ohne Antrag auf Sachmittel.

Lektoratsblick gesucht

Ein ehrlicher Blick von außen.

Dieses Manuskript ist noch im Werden. Die Seite zeigt keine fertige Veröffentlichung, sondern eine geführte Lesefassung aus Erinnerungen, Gedankenorten und offenen Fragen.

Wenn Sie als Lektorin, Lektor, Verlegerin, Verleger oder literarisch erfahrener Mensch einen professionellen Blick darauf werfen möchten, freue ich mich über eine klare Einschätzung: trägt die Stimme, hat der Stoff eine Form, und lohnt sich der nächste Schritt?

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